Der
Wagen gleitet durch das Feldatal der frühsommerlichen Rhön.
Die Krawatte sitzt locker, die obersten Knöpfe des Hemdes
sind geöffnet.
Eine angenehme Frauenstimme bringt im MDR Kultur ein Portrait
von George Bizet.
Beherzt klopfen die Finger den Takt aus der Ouvertüre der
Carmen aufs Lenkrad. Die Fenster sind herunter gekurbelt, satter
süßfruchtiger Duft bringt den Fahrer in Stimmung.
In den Grundwiesen strotzt der Löwenzahn. Ihr gloziges
Gelb erinnert an die Landschaftsbilder des Brücke Malers
Schmitt-Ruttloff.
Mit
dem letzten Ton ist die Stimme wieder da, verkündet Freikarten.
Wo bitte ist das Telefon. Der Wagen wird abrupt in den nächstgelegen
Feldweg gesteuert, die Nummer ist gespeichert. Nach dem vierten
Ton meldet sich ein Herr. Mein Lächeln überträgt
sich scheinbar, der Mensch am anderen Ende schien froh darüber
zu sein gerade mir die zwei Freikarten für die Abendvorstellung
der Carmen am Landestheater Gera überreichen zu können.
Der
Blick zur Uhr. Noch knappe drei Stunden Zeit bis zur Vorstellung.
Die restlichen Termine sind schnell abgesagt, der Wagen gewendet,
die Fenster
geschlossen.
Eine
adrett gekleidete Mitfünfzigerin inklusive Krempenhut und
Hund überreicht mir ihre Parklücke hinter dem Theater.
Ein letzter Blick in den Spiegel, alles in Ordnung. Die kleinen
Überraschungen wirken Wunder.
Die
Eingangshalle ist gefüllt mit Seide, Parfüm und 100%
Baumwolle. An der Kasse muß ich für die Karten unterschreiben.
Mehr scherzhaft bitte ich um die besten Plätze im Hause.
Der
Kopf der Schlange schiebt mich in die Mitte des Raumes. Erst
hier wird so recht klar, ein Ticket verschenken zu müssen.
Wem also mache ich ein Freude. Die Frage ist schnell beantwortet,
natürlich mir. Die Treppen zum Saal bieten den besten Überblick.
Die
ältere Generation scheint gerade Semesterferien zu haben.
Es ist keine Einzelperson auszumachen, der Schwanz der Kassenschlange
sieht eher langweilig aus. Auf dem Vorplatz wandert der Blick
über die Ankommenden. Im Wechsel der Ampel ziehen die Exponate
vorüber. Ungeduldig reiben sich die Papiertrophäen
in der Westentasche.
Kein
Zweifel, schon aus der Ferne ist die Gunst dieses Tages zu erkennen.
In Gänze schwarz, rennt sie in typisch weiblicher Kinematik
bei Gelb über die
Straße, fegt mich hochrotem Kopf an mir vorbei ans kurze
Ende der Theaterkasse.
Während
die Dame mit knapp geschnittenem Haar in den Tiefen ihrer Handtasche
nach der Geldbörse forscht, übergießt sie ihr
Prinz mit Sterntalern in akzentfreiem Hochdeutsch. Im Handumdrehen
ist die Überraschte
von der hochgradiert ansteckenden Versuchung infiziert. Ihre
Gegenwehr begrenzt sich auf die notwendigen Floskeln des Anstands.
Das
zweite Klingeln mahnt zur Eile, zwei halbe Treppen nach oben,
links. Ihren leichten Sommermantel gebe ich an der Garderobe
ab, behalte die Marke.
In Erwartung einer hilfreichen Geste werden der Garderobiere
die Karten hingehalten. Umständlich kramt sie einen Schlüsselbund
aus der Tasche, öffnet die Tür an der Ecke.
Halbdunkel empfängt uns, meine Begleiterin
bleibt erschrocken an der Tür zurück. Die Logenvorhänge
werden zurück gezogen, mit Applaus wird der Dirigent empfangen.
Drei
gepolsterte Stühle stehen an der Brüstung, Grünauge
erhält den Platz zu meiner Linken. Kaum mehr als drei zusammenhängende
Sätze waren bisher von
ihr zu hören. Die Ouvertüre bricht den Gedanken ab,
noch bevor wir uns einander namentlich bekannt machen konnten.
Da
ist er wieder der Duft des Feldatales. Was hat spanisches Flair
mit dem Geruch des Löwenzahns der Rhönwiesen zu tun?
Das
dunkelrote Temperament der Femme fatale flackert zum ersten
Male auf, "Draußen am Wall von Sevillia". Meine
Begleiterin beugt sich nach vorn, um die andalusischen Arbeiterinnen
zu beobachten.
Gelegenheit
für den zweiten Eindruck. Ihre schlanke Gestalt ist von
schlichtem Profil. Den scharf geschnittenen Linien von Kopf
und Hals folgt ein langgestreckter sanft geformter Oberkörper
in einer Bluse mit Knopfleiste. Die Beine übereinander
geschlagen vom Wickelrock umwunden. Die Füße in leichten
Sandalen. Da sind sie wieder die Assoziationen mit den Hügeln
der Heimat.
Don
Jose übergibt den Brief der Mutter an Micaela. Habanera
trägt die feurige Melancholie herauf. Der glutvolle Flächenbrand
greift wie ein Naturereignis über die Brüstung.
Vorhang.
Die Besucher zieht es zu den Ausgängen.
Vorsichtig,
wie ein kleine Junge, ziehe ich an der großen Schlaufe
meines Zufallsereignisses. Einer ersten Frage folgt eine holprige
Antwort. Der Zweiten kommt sie mir zuvor, mit "Je dis que
rein ne" der Arie der Micaela
aus dem 3.Akt.
Die
Garderobiere in der gegenüberliegenden Loge applaudiert.
Dem Mann aus der Rhön hat es die Sprache verschlagen. Das
Pausenklingeln holt mich aus den grünen Augen zurück.
Auf den Treppen zur Bar springt das Herz vor Vergnügen.
Mit einem trockenen Rotwein und zwei Gläsern in der Tür
zurück, ist sie verschwunden.
Die
Musik hat bereits wieder eingesetzt. Augenblicke
später steht sie da, schemenhaft, mit einer Flasche und
zwei Gläsern.
Das
Torerolied lädt ein zum Kampf. Die rührende Gestalt
der Micaela und der Rhönmann beißen sich vor Lachen
auf die Lippen. Das heiße Blut des Flamenco ergießt
sich in die Gläser. In Zigeunermanier prosten sie sich
zu, die erste Flasche entleert sich im Handumdrehen. Alle Klischees
werden lebendig. Die flirrende Hitze der Arena entzündet
das getrocknete Holz in Loggia.
Arragonaise,
das Vorspiel zum 4. Akt. Wickelrock und Knopfleiste haben sich
längst dem Zigeunertum zugewendet. Krawatte und Hemd sind
in der gleichen
Stimmung wie am morgen.
Die
Lage spitz sich zu, unaufhörlich treibt das Geschehen seinem
Höhepunkt zu.
Während
die Menge dem siegreichen Stierkämpfer Lukas Escamillo
zujubelt, gerinnt Carmens Blut in den Gläsern der unmittelbar
Beteiligten.
Am
der Theaterkreuzung wanken zwei Gestalten über eine rote
Ampel. Aus der Türfalz eines Wagens ragt ein eingeklemmter
Löwenzahn.
Eine
gute Zeit wünscht der
Gutenmorgensonnenstrahl