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Kettenkarusell
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| Ein grüßendes Hallo in den Süden, eine neue Woche, ein neuer Anfang im Kettenkarrussell des Lebens. Es ist Montag, der Einstieg hinter dem Kassenhäuschen. Setzen wir uns nach außen, dann können wir mehr sehen, den Fahrtwind besser spüren. Arme ausbreiten, Augen auf und die Welt kommen lassen. Wir fliegen hinweg, darüber, vorbei am Schmerz des Anderen. Am Kassenhäuschen habe ich die Eintrittskarte ins wahre Leben der V.H. gekauft : Schmalkalden. Die Hausnummer 13 liegt am Ende einer Sackgasse. Hinter der grauen Fassade eines Steinhauses aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts lebt Verena Herbst im Parterre als Untermieterin. Verena ist
43 Jahre alt und pendelt zwischen Arbeitslosigkeit und gelegentlichen
Putzfrauenjobs.
Sie ist geschieden, Mutter einer erwachsenen Tochter.
Verena Herbst lebt mit einer Zirkushündin zusammen. Clowns hängen
von der Decke, stehen auf Regalen, schauen aus den Fenstern. Ihre herbe
maskuline Stimme zeigt keine Rührung. Sie redet ohne
Schnörkel, ihre Formulierungen sind kurz und knapp wie ihr Haarschnitt. Aus den
Zeiten kommunistischer Diktatur beklagt Verena Herbst die schmerzhafte
Intoleranz der Gesellschaft. >>Meine Neigung zum eigenen Geschlecht
habe ich immer gespürt. Sie ist auch bei Verwandten zu finden. Nur
wollte keiner etwas davon wissen. Homosexualität galt als abartig,
krankhaft und gehörte nicht in den sozialistischen Alltag.<< Aus dem
Flur tönt
Kindergeschrei. In das Gezeter einer schrillen Frauenstimme fallen
die Hunde der Nachbarschaft ein. Verena Herbst scheint
das nicht wahr zunehmen. Ihr Blick heftet am Fensterkreuz. Wenn Verena
von Gott spricht glänzen ihre dunklen Augen. Sie zitiert
aus dem 6. Kapitel des ersten Briefes von Paulus an die Korinther >>Lasset
Euch nicht verführen! Weder die Hurer noch die Abgöttischen,
noch die Ehebrecher, noch die Weichlinge, noch die Knabenschänder,
noch die Diebe, noch die Geizigen, noch die Trunkenbolde, noch die Lästerer,
noch die Räuber werden das Reich Gottes ererben.<< Mit dem gesellschaftlichen Zusammenbruch von 1989 konnte Verena Herbst ihre Homosexualität in die Öffentlichkeit tragen. Sie informierte ihre Familie, ihre Verwandten und Kollegen. Der befürchtete Kollaps blieb aus. Stattdessen erfährt sie von vielen Menschen Toleranz. Von einigen auch Akzeptanz. Die Hausnummer 13 liegt am Ende einer Sackgasse. Hinter der grauen Fassade blüht ein Apfelbaum. Der Mann aus den Bergen |