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Der Gutemorgensonnenstrahl

 

 

Kettenkarusell

 

 
 

Ein grüßendes Hallo in den Süden,

eine neue Woche, ein neuer Anfang im Kettenkarrussell des Lebens. Es ist Montag, der Einstieg hinter dem Kassenhäuschen. Setzen wir uns nach außen, dann können wir mehr sehen, den Fahrtwind besser spüren. Arme ausbreiten, Augen auf und die Welt kommen lassen. Wir fliegen hinweg, darüber, vorbei am Schmerz des Anderen. Am Kassenhäuschen habe ich die Eintrittskarte ins wahre Leben der V.H. gekauft :

Schmalkalden. Die Hausnummer 13 liegt am Ende einer Sackgasse. Hinter der grauen Fassade eines Steinhauses aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts lebt Verena Herbst im Parterre als Untermieterin.

Verena ist 43 Jahre alt und pendelt zwischen Arbeitslosigkeit und gelegentlichen Putzfrauenjobs. Sie ist geschieden, Mutter einer erwachsenen Tochter. Verena Herbst lebt mit einer Zirkushündin zusammen. Clowns hängen von der Decke, stehen auf Regalen, schauen aus den Fenstern.
In deren traurigen Augen spiegelt sich ihre eigene Kindheit. >>Der erste Mann in meinem Leben war mein Vater<<, sagt sie von sich. >>Er schlug meine Mutter. Er schlug mich. Ich schlug meine Mitschüler, schlug mir eine Schneise durch diese teuflische Welt. Mein Vater hat mich nie als Tochter akzeptiert. Ich sollte ein Junge werden, einer der sich durchzusetzen versteht.<<

Ihre herbe maskuline Stimme zeigt keine Rührung. Sie redet ohne Schnörkel, ihre Formulierungen sind kurz und knapp wie ihr Haarschnitt.
>> Diese getrimmte, übergestülpte Lebensphilosophie brachte mich in Schwierigkeiten, in große Bedrängnis. Als Jugendliche landete ich im Knast. Das brachte mir meine ersten sexuellen Kontakte mit Frauen ein. Ich fühlte mich das erste mal im Leben verstanden.<<

Aus den Zeiten kommunistischer Diktatur beklagt Verena Herbst die schmerzhafte Intoleranz der Gesellschaft. >>Meine Neigung zum eigenen Geschlecht habe ich immer gespürt. Sie ist auch bei Verwandten zu finden. Nur wollte keiner etwas davon wissen. Homosexualität galt als abartig, krankhaft und gehörte nicht in den sozialistischen Alltag.<<
>> Irgendwann habe ich selbst geglaubt, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Darum habe ich geheiratet. Mein Mann war ein Säufer. Ich wurde zu einem. Es folgten mehre Selbstmordversuche, dann die Klapse. Ich wurde schwanger, nach zwei ein halb Jahren war der Spuk vorbei. Scheidung<<

Aus dem Flur tönt Kindergeschrei. In das Gezeter einer schrillen Frauenstimme fallen die Hunde der Nachbarschaft ein. Verena Herbst scheint das nicht wahr zunehmen. Ihr Blick heftet am Fensterkreuz.
>> Auch während meiner Ehe hatte ich wechselnde Kontakte mit Frauen. Die längste Beziehung dauerte drei ein halb Jahre. In einigen Momenten habe ich Glück erlebt. In einigen Wenigen.<<

Wenn Verena von Gott spricht glänzen ihre dunklen Augen. Sie zitiert aus dem 6. Kapitel des ersten Briefes von Paulus an die Korinther >>Lasset Euch nicht verführen! Weder die Hurer noch die Abgöttischen, noch die Ehebrecher, noch die Weichlinge, noch die Knabenschänder, noch die Diebe, noch die Geizigen, noch die Trunkenbolde, noch die Lästerer, noch die Räuber werden das Reich Gottes ererben.<<
Verena glaubt und hofft. >>Dennoch spüre ich Gottes Nähe.<<

Mit dem gesellschaftlichen Zusammenbruch von 1989 konnte Verena Herbst ihre Homosexualität in die Öffentlichkeit tragen. Sie informierte ihre Familie, ihre Verwandten und Kollegen. Der befürchtete Kollaps blieb aus. Stattdessen erfährt sie von vielen Menschen Toleranz. Von einigen auch Akzeptanz.

Die Hausnummer 13 liegt am Ende einer Sackgasse. Hinter der grauen Fassade blüht ein Apfelbaum.

Der Mann aus den Bergen

Achim

 
 

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