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Der Gutemorgensonnenstrahl

 

 
Ost- Tour

Schwebende Klänge

 

anche Männer sind selbstbewußte Kinder in Hemdkragengröße 42. Sie sind abenteuerlustige Kindermänner denen erhobene Zeigerfinger und mahnende Worte nur zusätzlichen Motivation bringen. Werden Männer zu Kindermännern ist ihre Seele frei, ihre Sehnsucht absolut, ihre Lust grenzenlos. Um ein Kindermann zu werden, träume man mit Kinderaugen. Man windele, bade, säuge diese Träume mit erwachsenen Erfahrungen. Erwachsen gewordene Kinderträume wohnen am Horizont. Sie sind der schmale Strich zwischen Himmel und Erde.

 

 
 

reitag, 05. Juli, 8.o1 Uhr

Der IR Stuttgart- Stralsund hat Einfahrt auf Gleis 5a in der Wartburgstadt Eisenach. Mein neues Aldirad wird an einen Haken angehängt. Zwei weitere Räder werden durch die Tür gereicht, der Schaffner mahnt zur Eile. Kelle, Pfiff, eigentlich hat sich nichts geändert. Ein junger Mann trägt mir die Luftpumpe hinterher. Er meint, es sei besser so.

Das Abteil ist leer, dennoch setze ich mich auf meinen reservierten Platz am Fenster. Die Hörselberge ziehen rasch vorüber. Noch bevor alles Gepäck verstaut, Zeitung, Kakaomilch und Frühstück um mich herum ausgebreitet sind, verkündet eine Lautsprecherstimme die nahende Ankunft in Gotha.

Menschen eilen über den Bahnsteig. Ich beobachte sie, ihre Gesichter, ihre Körper, ihre Gesten. Unbemerkt setzt der Zug seine Fahrt fort, das Abteil bleibt leer. Genüßlich verspeise ich die gebratene Leber mit Zwiebeln, tauche das geschälte gewaschene Gemüse in Zazikisoße trinke meinen Kakao. Die letzte Zugfahrt liegt gut zehn Jahre zurück, damals, ach ja, damals...

In Erfurt füllen sich die leere Sitze. Auf dem Platz neben mir türmt sich mein Hausrat auf. Niemand begehrt meine Nachbarschaft. Gegenüber nimmt ein bejahrter Herr mit gestärktem Kragen und dunkler Krawatte im Maßanzug Platz. Seine überdimensionalen Augenbrauen vergraben sich hinter den Feuilletonseiten der FAZ. Seine Schuhe sind tadellos geputzt.

Wir fahren über Halle, ich hatte eigentlich auf Leipzig gehofft. Das Land ist platt. Von schweißtreibenden Anstiegen keine Spur.
Endlich Zeit für >Die Zeit<. Als Bahnfahrer hat man die passende Gelegenheit den thematischen Orgasmen erfolgsgekrönter Redakteure beizuwohnen.

In Berlin Wannsee machen sich die geputzten Schuhe auf den Weg. Er verabschiedet sich mit übertriebener Höflichkeit.
Im Ostbahnhof wird das Abteil zur Heringsbüchse. Ferienbeginn in der Hauptstadt. Das Feldlager meines Hausrats wird von einer wuchtigen Weiblichkeit gestürmt. Ihre Reifen nehmen die seitlichen Armlehnen in sich auf. Jegliche Bewegung ist ausgeschlossen. Für Stunden ist der Weg zur Toilette versperrt. In Anklam bahnt sie sich ihren Weg nach draußen.

Vielleicht sollte auch ich bereits hier aussteigen, den Weg abkürzen, der Angst Folge leisten. Jeder Meter, jedes Dorf, jede Stadt, jedes Bundesland ist Prüfstein meiner Anmaßung, meiner Hybris meiner idiotischen Einfalt. Ich muß total verrückt gewesen sein, ein solches Vorhaben Realität werden zu lassen.

Auf die Minute genau hält der Zug in Stralsund. Bis alles Gepäck auf dem Rad verseilt ist, sind die Mitreisenden von der Stadt verschluckt.

Der Startblock aller Strapazen ist der Strand von Rügen. Es macht sichtlich Mühe Herr über die Balance zu werden. Vor dem Rügendamm gibt es den gewohnten Freitagnachmittagstau. Bekannte Bilder machen Mut. Schneller als jedes Auto erreiche ich die grüne Insel. Wie versprochen riecht es nach Meer, nach Fisch, nach Abgasen und Wagenschmiere. Im Möwengeschrei höre ich die Trommeln der Freiheit. Ich bin der Größte, ein Auserwählter, ein Glücklicher.

Der Weg aus der Stadt nach Süden ist klar. Unzählige Male habe ich ihn auf der Karte studiert. In der Vorstadt fliege ich an Schrebergärten vorbei, ein Radweg entlang der Bundesstraße nimmt mich auf, eine erste Fliege im linken Auge bremst mich ein. Das angedrohte Regenwetter ist nur eine Gebärde. Hohe weiße Wolkentürme schieben sich westwärts, werden von strahlender Sonne begleitet. Der Himmel ist mit mir. Die ersten dreißig Kilometer liegen im Handumdrehen im Rücken. Synchron sausen die Beine auf und nieder, drei Radfahrer ohne Gepäck werden mühelos abgehängt. Wieder und wieder wird die Hand zum Gruß erhoben, mein breites Lächeln ist ehrlich. Richtenberg, Franzburg, Triebsee die Radkarte wird zum ersten Mal ein Stück zusammengefaltet. Was könnte mich aufhalten! Die Straße endet in einer Sackgasse am Trebelkanal, ohne Vorwarnung. Die Sonne rückt tiefer, streift die Wipfel der säumenden Erlen. Ein Zeichen?

Im nächsten Ort schart sich eine Gruppe junger und alter Männer um eine Kiste Bier neben einem alten Feuerwehrauto. Auf meine Frage nach Unterkunft für nächste Nacht gibt es eine bereitwillige Antwort. Nichts Greifbares, aber Hoffnungsvolles. Am Ende einer rauhen Pflasterstraße erscheint das Ortsschild von Nehringen. Das Dorf ist menschenleer. Hühner und Gänse haben Vorfahrt. Ein geschnitztes Schild weist den Weg zum Bungalowdorf. Am Eingang steht ein Mann mit Helm auf einem Simsonmoped. Er ist überaus geschwätzig. Sein Redeschwall ergießt sich über mir wie die Hoffnung auf eine gut funktionierende Dusche. Der Anspruch erfüllt sich, Bett und Dusche sind gesichert für ganze 4 Euro. Als einziger Gast des Dorfes bin ich froh, daß die Quasselstrippe sich endlich seines Hungers erinnert und Abschied nimmt.

Nehringen hat eine Attraktion. Eine alte hölzerne Hebebrücke spannt sich verschlafen über den Kanal. Es gibt noch einen Menschen hier. Er sitzt auf dem wackligen Geländer und angelt. Meinen Gruß erwidert er mit Kopfnicken. Die Nacht senkt sich herab, die erste Nacht eines erwachsen gewordenen Kindertraumes.

Frisch rasiert, in mein Badetuch gehüllt sitze ich auf frisch gemähtem Rasen vor der Holzhütte. Um den aufdringlichen Mückenfrauen Grenzen aufzuzeigen, werden Kerzen angezündet, ein grüner Tee auf dem Campingkocher bereitet, die letzte Stulle verzehrt. Der Tag legt sich in das Bett der Vergangenheit. Gemeinsam mit ihm gehe ich schlafen. Es ist ein Einschlafen auf der Schaumkrone zwischen heute und morgen, Gegenwart und Zukunft.

 

 
 

onnabend, 06.Juli. 6.30 Uhr

Die innere Uhr hat mich pünktlich geweckt. Nach zwanzig Minuten bin ich reisefertig. Mit einer angerosteten Reiszwecke wird ein Dankeschön und ein 5 Euroschein an der Tür befestigt, das Gartentor ins Schloß gezogen.

Vorpommern schläft noch. Die sumpfigen Wiesen atmen gleichmäßige Stille. Unter den Reifen knirscht der Sand. Die kühle Feuchte des anbrechenden Tages bildet feine Tröpfchen an Armen und Haaren, an Shirt und Hose. Dörfer folgen aufeinander in unregelmäßigen Abständen. Menschenleere Katzendörfer. Gegen Zehn erreiche ich Dargun, ein kleines Städtchen nördlich des Kummerower Sees.

Die Kundschaft im Bäckerladen mustert mich ungeniert. Es duftet nach Streuselkuchen. Die älteren Damen bestehen darauf, daß ich bevorzugt bedient werde. Dafür belohne ich sie mit meinem Vorzugslächeln.

Die Mecklenburger Schweiz empfängt mich mit kurzen steilen Anstiegen. Raus aus dem Sattel, es lebe die Herausforderung. Waren liegt 40 Kilometer voraus. Waren, mit seinen tollen Fischrestaurants, seiner Altstadt, seinem Hafen. Schweiß rinnt über den Bauchnabel tiefer. Schweiß tropft auf die Querstange, auf die Kette, auf den vorüber eilenden Asphalt. Nur gut, daß ich nicht auch noch das Zelt mitgenommen habe.

Noch 40 Kilometer bis zur gefüllten Müritzforelle mit Bratkartoffeln, bei einem trockenen frischen rheinhessischen Riesling. Runter vom Radweg rauf auf die Bundesstraße, das geht schneller. Die erste Ampel am Stadtrand wird bei Rot genommen. Steil fällt die Straße hinab zum Hafen. Die Geschwindigkeit ist auf 30 begrenzt. Ein Starenkasten macht ein lächelndes Foto von mir. Wie ein Sieger überquert der Radfahrer die Ziellinie.

Das Restaurant Klabautermann ist von einer früheren Reise bekannt. Die Wirtin mimt die große Unterhalterin, ihr Mann ist der ebenbürtige Künstler hinter den Herdplatten. Im Vorhof sind Tische aufgestellt. Die Auswahl ist keine, ich nehme am letzten freien Tisch Platz. Wenig später setzt sich ein Ehepaar dazu. Beide Mitte fünfzig, konventionelles Outfit, Brillenträger. Sie bestellt Fischsuppe wie immer, er die Scholle. Entgegen aller Gewohnheit redet der männliche Part ohne Unterlaß. Madame ist sichtlich genervt. Beide sind Biertrinker. Er ist sichtlich erleichtert als ich mich unter seinen Redeschwall stelle. Die Herrschaften sind aus dem Westen. Sie fahren gerne hierher, im Osten ist es ja so wunderschön. Sie waren schon hier und da und überall. Er weiß von allerlei Vorteilen und noch mehr Mängeln zu berichten. Die Unterkünfte wiesen schlechte Standarts aus, auch sei das Essen mindestens genau so teuer wie auf Sylt und dennoch kehrten sich immer wieder gerne hierher zurück. Überschwänglich gebe ich meiner Freude Ausdruck, Menschen wie Sie hier im Osten begrüßen zu können, denn mit Ihnen käme erst die Kultur ins Land die wir so dringend gebrauchen könnten. Das Gespräch war beendet. Die Müritzforelle schmeckte trotzdem.

Die Kirchturmuhr schlägt zur dritten Stunde dieses Nachmittags. Der Weg führt entlang der Müritz zu Sudel Ede`s Schloß Klink. Erinnerungen werden wach. Gedanken an alte Zeiten, an Vergangenes an Gutes und Schlechtes.

Das Wasser ist übersät mit Booten und Bötchen, Ausflugsdampfern und Hausbooten. Menschen gehen die Promenade auf und ab. Im Zickzack bahne ich mir einen Weg durch die Leiber. Am Anlegesteg vor dem Schloss hängen die Beine ins Wasser. Sie sind schwer geworden. Die Idee mit der Forelle war doch nicht so gut. Müde bin ich, geschafft, erschlagen. Das Tagesziel liegt noch gut 50Kilometer weiter südlich. Im Handumdrehen bin ich eingeschlafen.

Auf den gut ausgebauten Radwegen herrscht reger Verkehr. Ich erwische mich wie ich immer früher in den kleineren Gang schalte um die Kraft einzuteilen. Oh Gott, was mach ich hier. Der Radweg mündet in eine derbe Pflasterstraße. Nichts geht mehr. Es rollt nicht, es geht bergauf, endlos lange. Ein Wanderer überholt mich. Frustriert trete ich in die Pedale. Hinter der nächsten Biege rollt das Rad auf eine Kuhweide. Der Fahrer fällt ins Gras, schließt die Augen.

Eine Schar Graugänse schreit mich wach. Es ist kühl geworden. Ich weiß nicht wie spät es ist, ich habe keine Uhr dabei. Irgendwas gehen Sechs sollte es sein. Ich brauche was Süßes, ich brauche mein Mars und Wasser. Es rinnt die Kehle hinab ob anzustoßen.

Die Berge liegen hinter mir, die Beine sind repariert, es geht wieder. Vor mir zwei Radfahrer. Wenig später ziehe ich ihnen vorüber. Es geht tatsächlich wieder.

Vor Freyenstein wird die Landesgrenze zu Brandenburg überquert. Die Stadt hat eine einzige Übernachtungsmöglichkeit, die Pension Waldhof. Eine Dogge begrüßt mich am Tor, leckt das Salz von den nackten Füßen. Der Preis ist schnell verhandelt. Eine großzügige moderne Ferienwohnung ist mein Eigen. Als erstes duschen. Ich lasse das Wasser eine halbe Stunde an mir herunter laufen. Draußen ist es dunkel geworden. Regen prasselt auf das Stoffvordach im Biergarten. Es klopft. Ins Handtuch gewunden öffne ich Dir Tür. Die Wirtin fragt nach meinem Appetit. Eigentlich habe ich keinen Hunger, bestelle aber einen kleinen Salat.

Der Regen hat aufgehört, die Dogge sitzt neben mir. In seinen dunklen Augen spiegelt sich dämmrige Beleuchtung. Ein Mann bringt den Salat. Dazu gibt es Bier aus der Region. Ein Zweites ein Drittes folgen. Der Mann holt den Teller wieder ab, stellt die übliche Frage. Ich sage ihm, daß er wohl auch sehr gut alleine zurecht käme. Die Dogge hatte ihren Kopf auf meine Füße gelegt. Wenig später saß der Mann neben mir. Auf dem langen Tisch breitete sich sein Leben aus. Die Kindertage neben dem Jugendleben, die erste Liebe neben der traurigen Ehe, der erlernte Beruf neben den derzeitigen Existenzverpflichtungen. Die Redseligkeit schäumte auf wie die Biergläser. Wieder und wieder luden uns gegenseitig ein. Die Füße steckten zwischen den warmen Hinterläufen der Dogge. Irgendwann gingen wir zu Bett, zufrieden mit uns und der Welt.

 

 
 

onntag 07.Juli 08.30 Uhr

Hinter dem Kopfkissen steht ein kleines Männchen mit einem Hammer. Er ist ein ausdauernder, ein beflissener Arbeiter. Wir gehen zusammen frühstücken.

Die Hausdame schaut mich giftig an. Ich wage nicht nach ihrem Mann zu fragen. Ohne ihm nochmals zu begegnen sitze ich wieder auf dem Rad. Der Kaffe war gut. Er hat sogar den kleinen Mann mit dem Hammer umgehauen.

Das Land um Pritzwalk ist sanft gewellt wie die ersten Löckchen eines Babys. Fern ab von den Hauptschlagadern tendele ich durch kleine und kleinste Dörfer. Selbst das Winzigste unter ihnen besitzt eine Kirche. Zum Teil übermächtig große Kirchen im Hanse Stil ragen weit über die geduckten Dächer. Die Straßen werden zu Sträßchen, schließlich zu Wegen manchmal zu Pfaden. Fast alle sind Alleenpfade aus einem angereihten Mix verschiedener Obstbaumarten. Dazwischen Felder, große Felder mit Getreide. Die Gerste riecht reif, in der Feuchte des Morgens auch schwer und fordernd. Es riecht nach Arbeit.

Menschen sieht man, wenn überhaupt in ihren Gemüsegärten. Sie jähten, sie zupfen, sie scheinen mit ihren Möhren, ihrem Sellerie verwachsen zu sein. Das Alter dieser Menschen ist schwer zu bestimmen. Sie sind sicher viele Brennesselgenerationen alt.

Mein Wasser ist alle und es ist Sonntag. Tankstellen sind es hier ebenso wenig zu erwarten wie Supermärkte. Das Rad ist an einen Brunnentrog am Dorfplatz gelehnt. Aus dem verrosteten Rohrstummel pulsiert ein unentschlossener Wasserstrahl. Das Wasser schmeckt nicht schlecht. Die leeren Flaschen werden aufgefüllt, das zweite Frühstück vorbereitet. Der kleinen Steinbrucharbeiter aus dem Kopfkissen muß irgendwo vom Rad gefallen sein. Es geht mir gut. Ich fühle mich frei. Das Leben ist eine wunderbare Sache.

Weiblicher Besuch hat sich angemeldet. Eine hübsche graue Eselin nähert sich schüchtern meinen Brötchen aus der Pension Waldhof. Ihr Begleiter hält sich bedeckt hinter den roten Backsteinmauern der Laichenhalle. Die Dame frißt mir aus der Hand. Wir zwinkern uns zu. Anschließend geht sie zu ihm zurück.

Endlich weiß ich wo die Vergangenheit wohnt. Sie hat sich ein schönes, ein ruhiges zuhause ausgesucht.

Tiefer feiner Sand wechselt mit grobem Kies. Das eine ist wie das andere, nur mühsam zu befahren. Die kürzeste Verbindung wird sich zur größten Anstrengung. Das Hinterrad dreht durch im kleinsten Gang. Schieben geht gegen die Ehre und der Wille ist ungebrochen. Es geht wieder bergab, es rollt, und wie es rollt. Ich habe das Schlagloch gar nicht gesehen. Das Hinterrad dreht sich noch als ich längst wieder auf den Beinen sehe. Lenker gerade stellen, rauf und weiter.

Nach fünf Kilometern endet die Schlaglochpiste.

Die Straßenkarte ist weg. Hier also beginnt die Herausforderung. Den ganzen Weg nochmals zurück. Sie läßt sich finden im ausgetrockneten Graben an der Absturzstelle. Eine braune Schnecke war im Begriff sie zu überqueren. Ihre Schleimspur zeichnet meinen Weg nach.

Bei Havelberg endet der große Garten der Vergangenheit. Die Stadt ist angefüllt mit schick gekleideten Menschen. Die Herren in weißen Hemden, die Frauen mit bunten Hüten, die Kinder im Sonntagsstaat. Alt und Jung tummelt sich auf den Ausflugsdampfern. An jeder Ecke gibt es Schokoladeneis.

Ich bin ich wieder auf der Bundesstraße, elbaufwärts zurück ins Leben.

Tangermünde habe ich mir heute eingebildet.

Tangermünde

Tangermünde, die mittelalterlich geprägte Stadt auf einem Hochplateau der Altmark, wo die Tanger in die Elbe mündet. Bei Arneburg überquerte ich als einziger Passagier für 50 Cent den Fluß. Der Fährmann, ein junger Mensch mit dunkler Sonnenbrille antwortet bereitwillig auf meine Fragen. Er liebt seinen Fluss.

Wenig später treffe ich erneut auf die Liebe. Ein nacktes Paar im kniehohen Wasser eines Seitenkanals hat die Welt um sich herum vergessen.

Über der Stadt liegen pechschwarze Wolken. Die Dame an der Rezeption eines kleineren Hotels am Stadtrand ist nur mühsam von meinen Preisvorstellungen zu überzeugen. Erst mit sanfter Gewalt ließ sie sich überreden. Das Bettzeug riecht nach Bleiche. Zwei Stunden später bin ich wieder fit. Ich habe von Hammelkeule und Speckbohnen geträumt.

Die Restaurateure der Altstadt haben den Charme vergangener Zeiten reanimiert. Das Herz springt vor Freude, die Kamera zwischen verschiedenen Belichtungszeiten hin und her.

Die Linde erfüllt meinen Traum. Zur Hammelkeule mit Speckbohnen gibt einen französischen Landwein. Zum Reden habe ich keine Lust. Im linken Fußgelenk schlägt ein zweites Herz.

Der Tag endet am Elbufer, bei untergehender Sonne hinter der gotischen Hallenkirche von St. Stephan.

 

 
 

ontag, 08.Juli 7.20Uhr

Das Beste an diesem Hotelzimmer ist seine Dusche. Wasser im Überfluß. Kein zaghaftes Plätschern, kein selbst redender Kleingeiz, es strömt im Überfluß einer mittleren Schneeschmelze.

Im Frühstücksraum schwimmt die Kellnerin wie Treibholz zwischen den Tischen. Ihre bloße Oberweite ist ihr ganzer Stolz. Bei der Frage nach Tee oder Kaffe schwebt die Domäne bedrohlich über Schinken und Salami. Der oberste Knopf hängt am seidenen Faden. Ihr breites Grinsen ist mehr als zweifelhaft.

Der Weg führt nochmals durch die Altstadt hinab an die Elbe. Der Hochwasserschutzdamm ist auf seiner Krone asphaltiert. Der Fluß schläft in seinem Bett. Mit ihm schlafen seine Bewohner. Alles ist bedeckt von einem fein gesponnenen Seidentuch.

In der Ferne sind die Salzhalden von Zielitz zu erkennen. Auf dem Weg herrscht dichter Schneckenverkehr. Anfänglich habe ich einige ins Ziel getragen. Im weiteren Verlauf wird die Fahrt zum Hindernislauf mit einer schleimig braunen Invasion. Überfahrene, zertretene Exemplare werden kurzer Hand von ihren Artgenossen aufgefressen.

An einem hölzernen Aussichtsturm lehnt ein schwarzes, mehrfach mit Nitrofarbe überstrichenes Herrenrad mit Gesundheitslenker. Eine Leiter führt auf die Plattform. Das Rad passt zu dem Menschen an den Brüstung. Sein weißes Haar wird von einem gestrickten Stirnband zusammen gehalten. Wir schweigen uns eine ganze Weile an. Ein Storchenpaar zieht gemächlich seine Runden. Die wohnen seit Jahren auf der Esse hinter dem Deich, murmelt er in die Stille. Dann kennen sie sich sicher persönlich, gebe ich zurück. Der alte Mann beginnt zu erzählen, aus seinen Jugendjahren in denen er sich als Boxer durchgeschlagen hat. Von seiner Metzgerlehre und den schweren Nachkriegsjahren. Von seiner Liebe zum Leben und zur Natur. Allmorgendlich ist er der erste auf dem Damm. Allabendlich dankt er Gott für jeden Tag. Beim Abschied geben wir uns die Hand.

Zur Mittagstunde bin ich kurz vor Magdeburg. Es ist heiß geworden. Auf der Karte ist eine Badestelle eingezeichnet. Sie liegt an der Mündung der Ehle in die Elbe. Es ist niemand da, die Badehose bleibt in der Seitentasche. Hemd und Hose landen auf der Querstange. Mit dem Handy in der Hand geht es flußaufwärts. Durch die Zehen quetscht sich sandiger Morast.

Die Sorgen der Eltern werden zerstreut, die Klagen der Firma erhört, ein paar unausweichliche Angelegenheiten geklärt. Das letzte Gespräch wird aus Energiemangel von der Technik selbst beendet.

Das Zentrum von Magdeburg hat die Superlative des 21.Jahrhunderts eingeholt.

Allecenter Magdeburg

Pompöse Einkaufstempel reihen sich aneinander. Halbfertige Betonriesen drängen in die Seitenstraßen.

Grafittigeschmiere überdeckt sorgfältig geschliffenen polierten Marmor.

Die Türme des Doms sind eingerüstet. Aus den Holzbänken im Seitenschiff strahlt die versprochene Geborgenheit der Gemeinschaft.

Dom Magdeburg

Mit dem Klang zur vollen Stunde verabschieden die Glocken ihren Besucher.

Besorgte Blicke richten sich auf das linke Fußgelenk. Das Klopfen wird hör- und sichtbarer.

Erste Angst eines vorzeitiges Endes schleicht über das Rückenmark ins Hirn. Am Bahnhof von Schönebeck wird ein Ticket 2.Klasse ins vierzig Kilometer entfernte Tagesziel Stassfurt gekauft. Eine Stunde später liegt die Wiege des Kalibergbaus und Geburtsstätte Deutscher Demokratischer Unterhaltungselektronik hinter mir.

Auf der Suche nach einem Quartier für die Nacht ist es bedenklich spät geworden. In Ferne der untergehenden Sonne sind die Erhebungen des Harzes deutlich auszumachen. Meine Nachfragen werden immer wieder von Kopfschütteln begleitet.

An der winzigen Sparkassenfiliale von Niemandsland kommt ein Mann mittleren Alters auf mich zu.

Der geistig Behinderte bietet sofort seine Hilfe an. Wir gehen zusammen zu einer alten Mühle am Fluß. Es ist nichts mehr frei. Wegen des diesjährigen Sommerfestes ist das einzige Zimmer ausgebucht. Der Vermieter telefoniert, nennt mir eine Adresse zwei Dörfer weiter.

Der Behinderte lädt mich ein auf die Festwiese mitzukommen. Meine Ablehnung kann er nicht verstehen. Ich reiche ihm ein paar Geldstücke und bitte ihn auf mich anzustoßen. Jubelnd eilt er mit erhobenen Händen davon. Mit seinem Gehen kommt mir der Begriff der Himmelskinder in Erinnerung.

Mein Quartier ist ein Ferienhaus, die Vermieterin geldgierig und mein Fuß schmerzhaft. Beim Preis leiste ich keinen großen Widerstand und schlafe kurz darauf in einem alten wurmstichigen Bauernbett ein.

 

 
 

ienstag, 09.Juli 6.03 Uhr

Die digitale Anzeige der Fernsehuhr scheint mitten ins Gesicht. Mitnichten werde ich dem Marktschreier schlechter Nachrichten Einlaß gewähren. Die Negativereignisse bleiben hinter der dunklen Mattscheide verborgen. Erstaunlich, auch nach Tagen des Entzugs von Skandalen, Börsentiefs, Mord und Totschlag dreht sich diese Welt weiter. Und sie wird wahrscheinlich auch ohne das Frühstück mit meiner raffsüchtigen Vermieterin ihren rechten Drehsinn beibehalten. Ich habe keine Lust auf dieses Weib, der Teufel möge sie holen.

Hinter der Lutherstadt Eisleben erwarten mich die Berge des Harzvorlandes. Anstiege wie in der Rhön. Vorne die eins hinten die drei. Ich komme mir vor wie ein Teilnehmer der Tour de France. Das Herz jubelt als der Kyffhäuser auftaucht. Ich fühle mich angekommen. Ich kenne mich aus. Die Namen der Orte, ihre markanten Gebäude, Straßen und Plätze sind dem Auge vertraut.

Am Stadtrand von Artern steht das Rad an einem Supermarkt. Schinken, Kaukau, Ziegenkäse, das Beste ist gerade gut genug. Am Dame am Bäckerstand kocht mir einen Kaffee. Sie bringt ihn nach draußen zu der dicken Buche mit der Parkbank. Gerne hätte ich sie eingeladen, vielleicht wäre sie auch geblieben, doch verkaufen sich ihre Brötchen nicht von selbst. So genieße ich die Zeit mit mir zu zweit allein zu sein. Aus drei Metern Abstand gefällt mir der Typ unter der Buche, dieser Kerl mit dem verknoteten Taschentuch auf dem Kopf und der dunklen Sonnenbrille. Er imponiert mir. Er trinkt in vollen Zügen aus der Schale der Freiheit. Er hält sie hoch, öffnet den Mund schüttet sie sich übers Haupt. Die Lust des Lebens rinnt über sein Gesicht hinab zur Brust über die Lenden bis zu den Füßen.


Eine Stunde vergeht, vielleicht auch zwei. Das Reststück über die Hainleite und das Thüringer Becken bis zum Thüringer Wald und der Rhön ist absehbar. Eigentlich habe ich es schon geschafft. In der Werkstatt eines Autohändlers wird die Kette geschmiert, der Luftdruck geprüft.

In Reinsberg betrete ich den gläsernen Vorraum einer Physiotherapie. Die wartenden Patienten schauen verwundert auf den Mann mit dem Rucksack. Vor allen anderen liege ich auf einer Liege mit weißem frischem Laken. Eine mütterliche Frau mit grauen Schläfen schaut sich den Fuß an, geht, kommt zurück mit einem Eisbeutel. Das Klopfen läßt nach, ich schlafe ein, Gott ist an meiner Seite.

Mit einem verkabelten Stück Metall fährt die Mütterliche minutenlang wie ein Formel1 Pilot um den Knöchel. Sie ist fest davon überzeugt, daß ich es ohne ihre Hilfe nicht nach Hause geschafft hätte. Sie kann sicher gut kochen. Ihre fürsorglichen Augen behandeln, bestrafen, bemitleiden mich wie einen Sohn. Beim Gehen steht sie in der Tür, winkt mir nach. Das Gefühl, noch Kind zu sein, nehme ich mit.

Bereits am frühen Nachmittag ist das Tagesziel erreicht, die Heimvolkshochschule Kloster Donndorf.

Das ehemalige Zisterzienserkloster liegt auf den östlichen Ausläufern der Schrecke im Tal der Unstrut. Der Ost- Tourteilnehmer gönnt sich einen Ruhetag. Für kleines Geld wird ein Zimmer gebucht, der Fuß hochgelegt, ein Cabernet Sauvignon geöffnet. Die Zeit rinnt wie Sand durch die Finger, dem Abend folgt die Nacht in sanfter Gemächlichkeit.

 

 
 

ittwoch, 10.Juli 9.00 Uhr

Der Klosteralltag beginnt mit einer Andacht. Die Heimleiterin zitiert Anselm Grün. Anschließend erklingt "Das Morgenlicht leuchtet". Singen ist meine Schwäche. Ich halte inne, höre zu. Am Frühstückstisch treffe ich alte Bekannte, erzähle von Erlebtem, freue mich über die Gnade die mir widerfahren ist.

Am späten Vormittag wird die langgestreckte Anhöhe der Schrecke wie eine leichte Gefällestrecke genommen. Das Fußgelenk hat seine Urform und Kondition wieder erlangt. Der Mütterlichen sei Dank.

In Greußen wird die Mittagshitze unerträglich. Spontan folge ich der Beschilderung zum Stadtbad. Von der tristen Außenstadt gelangt man auf einen liebevoll gestalteten Markplatz mit Ständehäusern im Fachwerkstil. Sie reihen sich wie betende Diener um die dunklen Mauern der Stadtkirche. Die halbwüchsigen Bäume im Außenring des Platzes bieten wenig Schatten. Vietnamesen haben ihre Stände aufgebaut. Besucher gibt ein keine.

Um so mehr Volk drängt sich an der Kasse der Badeanstalt. Es ist ein Bad wie tausend andere. Schmale seitliche Liegeflächen werden von einer umlaufenden Außenhecke begrenzt. An der Stirnseite schließt sich ein Volleyballfeld an. In der äußersten Ecke findet sich noch ein freies schattiges Plätzchen. Der Blick streift durch die Menge, vorbei an Schulkindern und Schulkindern und Schulkindern. Eines fällt sofort auf. Die Bewohner von Greußen sind die beste Werbung für die Produkte ihrer Heimat.

Die Geräuschkulisse begrenzt meinen Aufenthalt. Einem erfrischenden Exkurs folgt die baldige Flucht.

Im Hainich ist ein Hauptradweg ausgezeichnet. Er windet sich steil hinauf, entlang eingezäunter Apfelplantagen. Zum ersten mal muß das Rad geschoben werden. Nach wenigen Kilometern wird Hauptradweg zum Radweg, der Radweg zum Weg, der Weg zu Tortur. Tiefe Spurrinnen von schweren Traktoren wurden mit Bauschutt aufgefüllt. Abgekippten Dachziegelhaufen folgen solchen aus Hohlblocksteinen bis schließlich eine unüberwindliche Dornenhecke zum Rückzug zwingt. Das Rad wird über den Unrat zurück getragen, ein Maisfeld durchquert, ein Brennesselfeld durchschritten. Auch dieser Weg hat seine Grenze. An der Bruchkante eines Steinbruches endet er an einem Schild "Betreten verboten". Über die oberste Abraumsohle geht es hinab in die Aufbereitung, vorbei an der Verladestation zurück auf den Asphalt. Es lebe Thüringen. Ich liebe meinen naturverbundenen Ministerpräsidenten.

Am Himmel braut sich was zusammen. In einem kleinen Ort nördlich der Fahner Höhen frage ich nach einer preiswerten Unterkunft. Man schickt mich zum Bürgermeister. Ein hagerer Mann überreicht den Schlüssel eines Bungalow. Das Quartier beherberge kaum Komfort, ich dürfe nicht zuviel erwarten. Einem grellen Blitz folgt ein erbärmliches Krachen. Auf halben Weg zu besagtem Ort prasselt eiskalter Regen herab. Eine alte Feldscheune scheint die Rettung. Die morschen Brettertore stöhnen unter den heftigen Windböen. Es riecht modrig und unbenutzt. Im Ort geht die Sirene. Wenig später sind die Hörner der Feuerwehr zu hören. Dachziegeln schlagen neben mir auf. Die Flucht wird zur Flucht. Nach einigem Suchen stehe ich klatschnaß vor der dunklen Bretterbehausung mit der Nummer 20. Der Schlüssel ist überflüssig, die Tür wird von einer hölzernen Wurzel zugehalten. Beim Öffnen quillt Ekel aus dem Verschlag, von der Toilette rennt eine Ratte dem Ausgang zu. Ein stinkender Topf steht im Abguß. Nur mit Mühe läßt sich aufsteigender Brechreiz überwinden. Für zehn Euro kann man sicher nicht mehr erwarten.

Nach dem zweiten Klingen steht der Bürgermeister wieder in der Tür seines Hauses. Der Schlüssel fliegt ihm vor die Füße. Wortlos wende ich mich ab.

Es geht auch anders. Das Gasthaus hat freie Zimmer. Die Wirtin schmunzelt über mein Erlebnis, im Hof tobt der Bär. Am Grill dreht sich ein Schwein. Mit der Dusche kommt der Appetit zurück.

Das Fleisch ist knusprig, saftig. Dazu gibt es Schwarzbier. Nach einiger Zeit wird klar, daß es sich um eine Familienfeier handelt. Man prostet mir zu, gibt zu verstehen, daß ich eingeladen wäre. Die anfänglich zögerliche Anstandsplauderei entwickelt sich zur redseligen Unterhaltung. Die lustige Gesellschaft schwimmt in ihrer ausgelassen Stimmung. Vor Mitternacht sind einige Exemplare bereits ertrunken, andere schleppen sich mit Mühe auf ihre Stühle. Der Radfahrer paddelt bis zur Zimmertür Nummer 7, holt tief Luft um für die kommenden Stunden in die Tiefe der Nacht abzutauchen.

 

 
 

onnerstag 11.Juli Uhrzeit unbekannt

Mit einigen Monteuren find ich mich beim Frühstück wieder. Auf dem Tisch steht eine Schüssel knallig roter Knorpelkirschen. Die Wurstplatte ist für zwei Personen bereitet. Mit schelmischem Lächeln gießt die Patronin des Hauses heißen Kaffee in die großen Tassen. Das Gespräch plätschert dahin wie ein kleines artiges Rinnsal. Packen, zahlen, verabschieden. Am Tor kommt die Wirtin nochmals heran, überreicht ein Stullenpaket und gute Wünsche.

Die Fahner Höhen haben es in sich. Der Alkohol treibt den Schweiß aus allen Poren. Hinter dem Plateau taucht zum ersten mal der Thüringer Wald vor meinen Augen auf. Ein erhebendes Gefühl erfüllt die Brust. Wie ein Sieger mit Gänsehaut stehe ich minutenlang vor der bewaldeten Kulisse meiner Heimat.

Die letzten Kilometer werden erlebt wie eine Ehrenrunde. Es ist vollbracht.


Der Gutenmorgensonnenstrahl

Liebe Grüße Achim

 
     

 

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