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Tunnellauf
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| Alles
ist wunderbar einfach, wenn man auf nichts Rücksicht nehmen
muß. Alles Laufen ist Selbstzweck, alle Last ein Vergnügen. Ich laufe für mich , laufe zur Meditation, zur Problemlösung, ich laufe dem Leben entgegen. Je weiter ich laufe um so tiefer dringe ich ein, in mich, in meine Nächsten, in meine Freunde, in meine ungeliebten Zwangsbekannten. Ich laufe ohne Uhr und ohne Programm, ich laufe mit Hund und bei jedem Wetter. Ich laufe, weil laufen Essen und Trinken, Schlafen und Lieben, Kämpfen und Siegen ist. Läufer sind zum Siegen verdammt. Nur der Läufer selbst wird dieses je verstehen. Die Rhönberge kennen diesen Mann mit der immer gleichen zerschlissenen schwarzen Trainingshose und seinem fünf Schritt voraus eilenden Terrier. Mensch und Getier, Baum und Strauch verstehen sich ohne Worte. Sie begleiten einander im Wechsel der Jahreszeiten. Schon immer bestimmte der Stand der Sonne die Dauer ihres Laufes. So ist es seit vielen, vielen Monaten, stets friedvoll, gelassen ohne Hektik ohne Druck. So war es bis zum 30.März 2003, dem Termin des Tunnellaufes. Von einem Freund empfohlen, von einem anderen als unwiederbringlich dargestellt, sollte Laufen zum ersten mal Geld kosten. Der halbe Tageslohn eines mittleren Angestellten floss kommentarlos in die GutsMuths Vereinskasse. Viele weiteren Euronen waren notwendig um aus dem Waldschrat einen Sportler zu designen. Barbier und Kosmetik, Parfüm und haute couture erschufen den Rhönläufer Ken. Ken hat Mühe sich selbst zu erkennen. Am Start trifft er auf Barbies und noch mehr Kollektionen von Kens. Der Startschuß fällt. Aus Angst hat Ken sich hinten angestellt. Bis zum ersten Tunnel trottet die Karawane der 3000 eher gemächlich, genau wie zu Hause vom Dorf bis zum Wald. Dann macht sich der Asphalt breit. Er läuft direkt auf die aufgerissenen Augen des Hochwaldtunnels zu. Menschenbeine baumeln von den Liedern wie bunte Wimpern im Wind. Vom Beifall angetrieben wechselt der Rhönläufer Ken in die linke Spur. Es geht bergauf, wie zu Hause. Der gemeine Volkssportler scheint recht untrainiert. Schier mühelos saust der Rhönläufer Ken durch die bleierne Masse wie ein heißer Wassertropfen. Am Kilometer 7 wird die einst so erfrischend kühl sprudelnde Quelle am Buchenhain durch einem lauwarmen Becher Tee ersetzt. Das Zeug geht nicht runter. Rhönken begießt sein neues Outfit. Hinter der Futterstelle geht es bergab. Urplötzlich sind die anderen genauso schnell wie er selbst. Neben ihm ticken und piepsen die Pulsmesser im Dämmerlicht des Tränenkanals. Ein Erster wagt es an ihm vorbei zu ziehen. Er ist schnell zur Räson gebracht. Einem Zweiten und Dritten wird Gleiches gewährt. Am Wendepunkt,
bei Kilometer 14 zeigt die Uhr 1.07 an, was ihm bedeutungslos erscheint.
Rationale Zeitnahme ist ein totsicheres Instrumentarium schneller
alt werden. Das einzig gültige Maß sendet seine Botschaft
senkrecht auf die Talbrücke der Wilder Gera. Die Bleikens sind verdammt schnell geworden. Als Barbie auf gleicher Höhe erscheint verschweißen sich die Sportsohlen von Rhönken im Asphalt. Da hilft weder die Banane noch der nächste Tee an der Tränke 21. Er scheint all das Blei aufzusammeln, was die anderen verloren haben. Was hat ihn geritten, den Mann aus den Bergen sich solch einer Marter zu unterwerfen. Sport ist Mord und Tunnellauf ist Doppelmord. Wenn er einfach umfällt kann ihn die Erde gleich hier verdauen. Am endlosen Ende des Tunnels erwartet ihn die jubelnde Menge. Sie reißt ihn los aus klebrigem Teer, sie trägt ihn ins Ziel. Die Sonne geht unter nach 2 Stunden und 24 Minuten. Auf einem teuren Blatt Papier wird ihm Gesamtplatz 918 bescheinigt. Alles ist
leicht, wenn man seine eigenen Regeln aufstellen kann. Alles bleibt
einfach, weil sie sich ändern lassen. Der Mann aus den Bergen |