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Heute früh las ich eine Lobpreisung über Mr. Pietschesrieder in der Financial Times Deutschland. Es macht schon stolz einen Wagen seines Konzerns fahren zu dürfen. Modernste zukunftsorientierte Technik, alles elektronisch versteht sich, sauberste Verarbeitung auf höchstem Niveau, perfekter Service und das beinahe global. Nun trug es sich zu, daß sein Qualitätsprodukt in falsche Hände geriet. Jemand hatte es gekauft und fährt tatsächlich damit herum. Dieser Jemand hat solche Hochachtung vor der elektronisch/ mechanischen Seele, daß er ihr sogar einen eigenen Kosenamen gab. Fortan durfte sie sich Mr. Windsor nennen. Mr. Windsor hatte vielleicht eine problematische Schwangerschaft, vielleicht war sein Erzeuger auch ein starker Raucher, Alkohohliker, Drogenkonsument oder alles in einer Person. Wie dem auch sei, die Financial Times weiß ebenso wenig über das Privatleben von Mr. Pietschesrieder , wie dieser von seinen Konstrukteuren und Lieferanten. Mißbrauch führt für gewöhnlich zu Fehlbildungen, die sich mit fortschreitendem Alter bemerkbar machen. So geschehen im Sommer letzten Jahres im schönen Ostseebad Warnemünde. Keuchend spieh Mr. Windsor die gesunde salzige Luft wieder aus. Pechschwarzer Speichel tropfte aus seinen endstückverquromten Nasenflügeln, der TDI flatterte, seine Seele schien zu entweichen. Wenig später war der Notarzt vor Ort. Mr. Windsor wurde in di städtische Privatklinik von Lütten Klein eingeliefert. Nach gründlichem Check in und Check out wurde eine leichte Kontaktschwäche der elektronischen Nervenstränge festgestellt und behoben. Mr. Windsor war also wieder gesund. Wie schön für Ihn und für Mr. Jemand. Doch Mr. Windsor wurde rückfällig. Zur Ruschhour im Baustellenbereich bei Karlruhe. Haube auf, Nevenstränge streicheln, Kontakte beruhigen, Deckel zu, Glück gehabt. Die Zeiträume zwischen den Anfällen wurden kürzer. In der Innenstadt von Gießen machte Mr. Windsor einer ahnungslosen Gruppe von Passanten seine Leiden deutlich. Hustend und prustend konnte er nicht mehr an sich halten. Aus Angst vor Ansteckung hielten sich die Leute Tücher vors Gesicht. Eine freier Werkstattarzt nahm sich seiner an, diagnostizierte, operierte und kassierte. Die Welt war wieder in Ordnung. Mr. Windsor fühlte sich stark genug Mr. Jemand und seine Freundin und Ihren Hund auf einer langen Reise in die Normandie zu begleiten. Vorbei an Gießen, vorbei an Paris in die wohlverdienten Ferien. Das Leben stirbt im Augenblick. Immer dann, wenn man am wenigsten damit rechnet, aus dunkelblauen Himmel bei strahlender Mittagssonne. Mr. Windsor ruhte auf dem Seitenstreifen der Peripheric Süd von Caen. Mr. Jemand war von der Fülle dieser Leiden beeindruckt. Im Personalauweis des Windsorblauen steht unter der Überschrift Mobilitätsgarantie- eine Notrufnummer für Frankreich. Zu Fuß machen sich Mr. Jemand mit seiner Freundin und dem Hund auf den Weg zu einer Telefonzelle. Die freundliche weibliche Stimme am anderen Ende war zauberhaft charmant. Durch sein männliches Hirn schwappte eine Welle verständnisloser Zuneigung. Mr. Jemand glaube mehrfach Police heraus gehört zu haben, also legte er auf und wählte die Nummer 17. Der Beamte war weniger freundlich. No englisch, no german, piep. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Zittrige Finger wählen nochmals nach der zauberhaften Stimme. Diesmal gehörte sie zu einem Mann. Aus einem Sprachmix zwischen Sonne und Wolken wissen beide was zu tun ist. Zurück an der Peripheric wartet bereits ein feuerrotes Spielmobil mit Abschlepphacken. Der Fahrer hat es furchtbar eilig. Erstaunlich, der globale Laden von Mr. Pietschesrieder. Im Wechselspiel von Freude und Ernüchterung wird mit Mr. Windsor am Rande eines Schrottplatzes vom Haken gelassen. Eine Schar junger Leute fällt über ihn her, reißt ihm die Seele aus dem Leib. Nach zahlreichen Startversuchen schwinden auch die letzte Kräfte. Mr. Windsor verweigert sich. Die Sonne liegt tief über den Dächern von Caen. Die Assistenzärzte rauchen. Kopfschüttelnd gehen sie nacheinander ihrer Wege. Mr. Jemand geht in einen Container mit zwei Telefonen, einer blutjungen blauäugigen Französin in eng anliegendem Kleid und einer Lampe auf dem Schreibtisch. Mit einnehmendem Lächeln reicht die Dame einen Kalender. Mr. Jemand soll sich einen Termin der Fertigstellung aussuchen. Allerdings erst jenseits der kommenden beiden zwei Wochen. Die nächste Seele droht zu entweichen. Mr. Jemand ergreift die Flucht in den Aktionismus. Beharrlich wird der Mobilitätsgarantiebeauftragte erneut in der Sprache zwischen Sonne und Wolken kontaktiert. Doch ein Unglück kommt selten Allein. Tiefbedrückt verkündet dieser die Botschaft von der erloschen Mobilitätsgarantie für Mr. Windsor. Die mißglückte Reinkarnation der Assistenzärzte sei schuld. Die Herrschaften trügen kein - Mr. Pietschesrieder Emblem - auf der Brust und seinen möglicherweise Wegelagerer. Der Sonne und Wolkenmix reicht noch die günstigste Zugverbindung nach Hause durch den Hörer und verabschiedet sich. Mr. Jemand ist kreideweiß, Mr. Windsor windsorblaßblau wie der Himmel über Caen. Während sich über dem Schrottplatz die Nacht schlafen legt, erwacht in Mr. Jemand die Kämpfernatur. Der Löwe wird in seiner Höhle heimgesucht. Mr. Pietschesrieders Mobilitätsbeauftragter wird in Mr. Windsors Urheimat angerufen. Mr. Jemand brüllt, daß es ohne Telekommunikation auch gegangen wäre. Der Löwe schüttelt sich, kommt aus seiner Höhle und wirft Mr. Jemand ein junges, frisches leckeres Rehlein vor die Füße. Ein Taxi rollt herbei und bringt Mr. Jemand mit seiner Freundin und dem Hund in eine Herberge.Dort lecken sich die Lefzen und die Wunden. Der neue Tag beginnt wieder mit der Stimme zwischen Sonne und Wolken. Auch er muß von dem nächtlichen Gebrüll erwacht sein. In Demut erfüllt er alle Wünsche von Mr. Jemand. Mr. Windsor hängt wieder am Hacken. Unterwegs zu französischen Professoren mit dem Emblem von Mr. Pietschesrieder auf der Brust. Mr. Windsor wird sofort notoperiert. Strahlend windsorblau ist das Wiedersehen. Mr. Pietschesrieder ist rehalitiert, Mr. Windsor wieder gesund, zumindest fürs Erste. Viele Grüße vom Mann aus den Bergen 05.06.2002 |