Autor: Gioconda Belli
Bitte kleide
mich in Liebe,
denn ich bin nackt,
bin unbewohnte Stadt, benommen von Lärm,
taub von Trillern, trockenes Blatt im März.
Umhülle mich mit Freude,
ich wurde nicht geboren, um traurig zu sein,
die Traurigkeit ist mir zu weit
wie ein fremdes Kleid.
Ich will wieder brennen,
den salzigen Geschmack der Tränen vergessen,
die Löcher in den Lilien,
die tote Taube auf dem Balkon.
Noch einmal mich wiegen im wehenden Wind,
schäumende Welle,
Meer über den Klippen meiner Kindheit.
Sterne in den Händen,
lachende Lampe auf dem Weg zum Spiegel,
in den ich mich schaue heilen Leibes,
beschützt,
an der Hand genommen vom Licht,
von grüner Wiese und Vulkanen,
das Haar voller Spatzen.
Schmetterlinge spriessen aus meinen Fingern,
Luft nistet in den Zähnen
und kehrt zurück zur Ordnung
des Universums,
bewohnt von Zentauren.
Kleide mich in Liebe,
denn ich bin nackt...

LIEBE IST WIRKLICH
Autor: Hans Kruppa (aus "In deiner Nähe", S. 118)
Jemand sagte, Liebe sei ein Schlachtfeld,
wo Gefühle verletzt,
Hoffnungen verstümmelt und Träume
getötet werden.
Ich glaubte ihm nicht.
Ich bekam die Botschaft, Liebe sei
ein Garten Eden,
wo Harmonie und Frieden herrschten,
wo Zauber blühe und Schönheit triumphiere.
Ich glaubte ihm nicht.
Ich hörte, Liebe sei ein langer,
verwirrender Weg ins Freie,
ein Labyrinth der Sehnsucht,
wo Herzen sich verirren und Jugend verlieren.
Und ich wusste keine Antwort.
Ich las, Liebe sei die Urkraft,
die uns ernähre und der
niemand widerstehen könne, sofern er
offen lebe.
Dann leben nicht viele offen,
denn alle Welt
widersteht der Liebe.
Man sprach auch von der Liebe
als einer grossen Betrügerin,
die nicht einmal ein Zehntel dessen halte,
was sie verspreche.
Und ich schüttelte den Kopf.
Sie sei allenfalls
eine wunderschöne Illusion,
hiess es.
Und ICH sagte,
Liebe ist Vertrauen,
Liebe ist wirklich,
Liebe ist wichtig,
denn ohne sie
verliert das Leben seine Seele...

Autor: Andreas Steinhöfel
Liebe ist ein Wort, das du nur mit blutroter Tinte schreiben solltest.
Liebe treibt dich dazu, die seltsamsten Dinge zu tun.
Liebe lässt dich regenbogenfarbene Bonbons verteilen,
Liebe lässt dich in roten Schuhen durch die Strassen tanzen
und sie schreckt nicht davor zurück,
dich nachts mit blutenden Händen Gräber in paradiesische Gärten
hacken zu lassen.
Liebe schlägt dir tiefe Wunden, aber auf eine ihr eigene Art
heilt sie auch die Narben, die das Leben dir zugefügt hat.
Vorausgesetzt, du vertraust ihr und gibst ihr die Zeit dazu.
Meine Narben werde ich nicht anrühren.
Ich werde neue Wunden davontragen,
noch ehe die alten verheilt sind.
Und ich werde anderen Menschen Wunden zufügen.
... Jeder von uns trägt ein Messer...
Ich wünsche Dir auf jeden Fall noch einen schönen Sonntag!
Alles Liebe,
Desdemonia
30.09.2001