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Abendrot
Alles
dreht sich im Kreise. Die
Arme hinter dem Kopf verschränkt liege ich im hohen Junigras, ausgestreckt,
betört vom honigsüßen Duft nahender Linden. "Willkommen mein Gutenmorgensonnenstrahl, ich habe schon sehnsüchtig gen Osten geschaut, mir ist kühl ohne deine Gegenwart. Die Melancholie deines kleinen Bruders, des Mondes, kann zwar mein Herz erwärmen, doch gibt er nicht Acht, auf die kalten Füße seiner träumenden Verehrer." "Guten Morgen, mein Lieber. Schade das du schon munter bist, gerade wollte ich dich an der Nase kitzeln, um dir den neuen Tag vorzustellen. Er ist der schönste meiner sieben Neffen, mein Lieblingsverwandter, sozusagen. Auch klingt sein Name wie der meine, gestatten- Sonntag." "Habe die Ehre, deine Freunde sind auch meine Freunde. Dein Neffe ist stets auf das Herzlichste willkommen in meinem Garten. Doch du bist heute spät dran, Sonnenstrahl." "Ich weiß, der Weg über den rasch gewachsenen Kirschbaum wird immer länger, seine purpurne Früchte haben mich aufgehalten." "Setz dich jetzt bitte auf meinen großen Zeh und hör mir zu. Heute ist ein ganz besonderer Tag. Wir Erdlinge haben eine großartige Überraschung für dich vorbereitet." "Du machst es aber spannend. Soll ich etwa deine Füße krabbeln weil du manchmal so traurig aussiehst, oder der neugescheiten Nachbarin das Ohrläppchen verbrennen?" "Mir ist nicht zum Scherzen zumute, heute wird zum großem Spektakulum geladen, es gilt dich zu einem Wettlauf herauszufordern." "Das ich nicht lache, welcher Übermut, du wagst es dich mit mir zu messen? Mit mir, der mit Lichtgeschwindigkeit seine Botschaft übers Land trägt. Kein Fuchs, kein Vogel und schon längst kein Mensch hatte auch je die geringste Chance gegen mich." Rasche Schatten huschen übers Gebüsch, hüllen die ganze Wiese in eine unangenehme Kühle. Erschrocken springt der Sonnenstrahl auf die Anhöhe hinter dem Hühnerstall zurück. "Ich bin es nicht , der dir die Stirn bietet. Die Weinbergschnecken Oswald und Undine werden deine Gegner sein. Die beiden haben alle Vorläufe auf dem nationalen Festival der Maulwurfhaufenüberquerer gewonnen und sind nun bereit die große Herausforderung anzunehmen." "Einfach lächerlich, diese großmäuligen Winzlinge sind nach einem halben Wimpernschlag überholt. Noch bevor sie ihre Teleskopaugen auf das Ziel gerichtet haben, bin ich längst dabei, ihre Wassertränke auszutrocknen." Gekränkt verdunkelt sich der so hoffnungsvoll begonnene liebevolle Sommersonntagmorgen, in einen regnerisch, neblich trüben Spätherbstmontagabend. Die gackernden Hühner schauen sich verblüfft an, verschwinden schimpfend in ihren Gefilden. "Du willigst ein?" "Nenne
mir die Bedingungen, ich nehme jede von ihnen an." Eines leichten Sieges gewiß, wird die Wiese samt seiner Bewohner wieder mit hellem Wohlbehagen geflutet. Die Herausforderer erscheinen auf der Bildfläche, ziehen sich am behaarten Bein dem Startplatz entgegen. Frisch geputzt schaukeln die Ringe ihrer Häuschen in den Farben großer sportlicher Erfolge. Genüßlich schaut der Sonnenstrahl den Vorbereitungen zu, sein Erbarmen für die unabwendbar Erfolglosen ist grenzenlos. "Sag Freund, wie hoch wird meine Siegprämie sein?" Sein breites Lächeln verkündet dabei leichtfertige Aufnahmebereitschaft. "Wir wissen um deine Abenteuerlust, drum winken für dich zwei Wochen Zusatzferien auf der Gewitterwolke Feuerzorn." "Top
die Wette gilt, laß uns sogleich damit beginnen." Da gibt es für den selbstsicheren Gutenmorgensonnenstrahl wohl nichts zu überlegen, zu überdenken oder zu fürchten. "Geritzt, geschlitzt, gewagt, gewonnen. Meine Ehrerbietung-- ihr anemonenischen Sekundanten, ich nehme den Wettlauf gegen die pfeilschnellen Schneckentempoturboläufer an." Im gleichen Augenblick flirrt der Strahl zwischen den Zehen auf und ab, hüpft ungeduldig auf der Stelle, schlägt Purzelbäume und ist vergnügt seiner Allmächtigkeit. Die Zuschauerreihen stehen dichtgedrängt in spannungsgeladener Atmosphäre. Hund und Katze sitzen einträchtig beieinander, der Maulwurf steht auf der Spitze seiner höchsten Burg, die Ameisen halten sich am Halm des blühenden Kümmelstrauches. Tauben, Spatzen und Schwalben belagern das alte Strohdach des Hühnerhauses. "Undine,
Oswald, bitte die Startplätze einnehmen. Gutenmorgensonnenstrahl bist
du bereit? Sekundanten gebt mir ein blühendes Zeichen eures Einverständnisses.
Es kann losgehen! "Kirschbaum, erteile das Kommando!" Im Stolze seiner Aufgabe richtet dieser sich auf und erhebt seine knorrige Stimme.
"Willkommen zum Milleniumergeignis der Neuzeit, willkommen ihr reizvollen Besucher, willkommen ihr tapferen Sportler, willkommen in der Arena jung gebliebener Gedanken. Auf einen Wink meines Blätterdaches fällt die schönste meiner Früchte als Startschuß in den geöffneten Mund des Menschleins. Sommerwind puste mir unters Gewand, damit das Schauspiel beginnen kann und puste, die Akteure zu erfrischen." Im nächsten Moment werden Blätter, Felle und Federn geplustert. Unzählige Augen verfolgen den Fall der Frucht. Seine dunkle Süße rinnt über meine Zunge, betört die Sinne, sättigt den Durst dieses Augenblicks, bevor schrilles Gezeter begleitet von stechendem Schmerz meine ungeteilte Aufmerksamkeit zurückfordert. "Halt, Stop, Betrug, Betrug. Kirschbaum rutsch zur Seite, dein Schatten versperrt mir den Sieg. Hier verweile ich nun untätig am Bauchnabel, das Krichgetier ist bereits an der Kniescheibe." Rot vor Zorn schaut der Strahl hilflos auf zu seiner Mutter, die im gemächlichen Tempo einer Schnecke ihre Bahn zieht. Energisch öffnet die Anemone ihre Blütenblätter und meldet sich lautstark zu Wort. "Als anemonischer Sekundant der Schnecken weise ich den Protest des Gutenmorgensonnenstrahles entschieden zurück. Erinnere dich, Sonnenstrahl, deiner zweigeschlechtig grammatikalischen Herkunft. Erstrahle im Glanze deiner Weiblichkeit und erweise dich standhaft in männlicher Ehre." Unterdessen schieben sich die Sportler mit ihren lustigen Häuschen an der Brustwarze vorbei. In bedächtiger Ruhe wird die letzte Anhöhe des Schulterblattes genommen. "Undine reich deinem Oswald die Hand, warten wir gemeinsam auf den halbwüchsigen Sohn der Sonne, der noch immer vom schattenhaften Schutzschild der Kirsche zurückgehalten wird. Freunde finden immer zusammen ins Ziel." Gesenkten Hauptes erreicht der Gutenmorgensonnenstrahl gegen Mittag das Duo. Wortlos wird ihm die Hand gereicht, in stillem Einvernehmen gleiten sie zusammen in ein lehrreiches Ziel. "Verzeiht mir teure Weinbergschnecken, ihr lieben Ameisen, auch du lustiger Maulwurf und du schlaue Krähe, verzeih kleine süße Miezekatze und trollige Sunny, verzeiht meine Vögel, bitte verzeiht. Die Scham dieses Tages erleuchtet alle Wunden, die mein großspuriges Maul in eure Glieder gerissen hat." Bedächtig verneigen sich die Anwesenden, als Undines feines Stimmchen erklingt. "Die Feinfühligkeit deines Herzens hat nun die rechte Größe uns miteinander freundschaftlich zu verbinden. Es ist ein erhebendes Gefühl deine fröhliche warme Botschaft in unseren kleinen Häuschen zu spüren." Reich beschenkt und überglücklich ist der Ruf des weiterziehenden Gutenmorgensonnenstrahls aus luftiger Höhe noch für lange Zeit als Echo zu vernehmen .: "Das Zeichen meiner Freundschaft könnt ihr nun allabendlich, in der aufsteigenden Röte meines Angesichts am Horizont erkennen!"
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