![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
|
Die Steinpalme
(Aus
dem Buch: "Wieviele Farben hat die Sehnsucht") Es war Spätnachmittag, und es war ein Wind aufgekommen, der leise über die Haare streicht und auf dem Gesicht eine Ahnung von Kühle hinterläßt.
Der
kluge, alte Mann lächelte. Er überlegte einen Augenblick und
rief dann: "Wir treffen uns an der Steinpalme, wenn die Feuer angezündet
werden!" "Steinpalme? Was bedeutet das?" riefen sie hinter dem Alten
her.
"Sucht sie!" Er sagte dies schon im Fortgehen. "Sucht sie! Der Baum
ist nicht zu verfehlen." Es
war eine eigenartig geformte Palme! Das
Merkwürdigste aber war die Krone der Palme! Der Baum neigte sich
mit seinen Blattfächern zur Mitte hin. Als
der Wind die Fächer der Bäume etwas auseinanderwehte, da sahen
sie es: Im Herzen der Palme, dort, wo sonst die neuen, hellgrünen
Triebe aus der Mitte des Stammes nach oben drängten, lag ein mächtiger,
rötlicher Stein, ein Stein, wie unzählige am Strand herumlagen.
Raman
ließ keine Zeit zum Fragen. Mit einer weiten Armbewegung zeigte
er, daß sich alle im Kreis setzen sollen. Ein Feuer wurde in der
Mitte angezündet, und die Nacht kam schnell und fiel über
alles wie ein schwarzes Tuch.
"Ihr wollt wissen, wie der große Stein dort oben hinaufgekommen
ist!" begann Raman seine Erzählung. "Nun, dies geschah vor vielen,
vielen Jahren, als die mächtige Palme noch ein winziger Bäumling
war. Hier waren damals noch keine Häuser, und es gab auch noch
keinen Brunnen. Nur einige Palmen standen am Strand. Ihnen und dem kleinen
Palmenbaum genügte das, was sie aus dem Sandboden an Nahrung und
vom Himmel an Feuchtigkeit bekamen. Die
kleine Palme liebte das Meer und die Musik des Wassers. Sie liebte den
leisen Wind an den Spätnachmittagen und die plötzlich hereinbrechende,
oft kalte Nacht mit ihrer schattenlosen Dunkelheit. Und sie liebte den
Mond in den klaren Nächten, dessen Licht harte Umrisse malt und
auf dem Meer lange Streifen zieht, die eine Ahnung von Unendlichkeit
geben. Der
kleine Baum wußte, daß wenige Meter hinter ihm die Wüste
war. Aber er hatte keine Vorstellung von ihr, er wußte nicht,
was wasserlos und leer bedeutete. Er war ein kräftiger, glücklicher
Palmenschößling. Er
kam durch die Wüste. Er war tagelang umhergeirrt, hatte sein Hab
und Gut verloren und war vor Durst und Hitze fast um den Verstand gekommen.
Seine Hände brannten wund vom vergeblichen Graben nach Wasser,
und alles an ihm war grenzenloser Schmerz. So stand er vor dem Wasser,
vor dem endlosen, weiten, salzigen Wasser. Der Mann warf seinen ausgedörrten Körper in das Wasser hinein, aber in seinem Mund mit den aufgerissenen Lippen und der dickpelzigen Zunge brannte der Durst, den das Salzwasser nicht stillen konnte. Da packte ihn ein rasender Zorn. "Ich habe Anspruch auf Wasser!" schrie er. "Ich will leben, weil ich einen Anspruch darauf habe!" Er
griff nach einem großen Stein. Sein Zorn gab ihm Kräfte,
die sein ausgedörrter Körper kaum noch hergeben konnte, und
er schrie über die Grenzenlosigkeit des Wassers, schrie gegen die
Unauslöschbarkeit der Sonne, schrie gegen die Wüste und hinauf
zu den unerreichbaren Kronen der Palmen. Drohend hatte er den Stein
erhoben. Seine Arme zitterten, und es schien, als wolle alle Kraft ihn
endgültig verlassen. Da sah er neben den großen Palmen, zwischen
Geröll und Sand, den Palmenschößling stehen, in hellem
Grün und voller Hoffnung auf jeden neuen Tag.
"Warum lebst du?" schrie der Mann. "Warum findest du Nahrung und Wasser,
und ich verdurste hier? Warum bist du so jung und schön? Warum
hast du alles und ich nichts? Du sollst nicht leben!" Mit
aller noch vorhandenen Kraft preßte er den Stein mitten in das
Kronenherz des jungen Baumes. Es knirschte und brach. Es war, als vervielfachte
sich das Knirschen und Brechen bis in die Unendlichkeit der Wüste
und des Meeres. Und dann kam eine entsetzliche Stille! Der
Mann brach neben der kleinen Palme zusammen. Zwei Tage später fanden
ihn Kameltreiber - man sagt, daß er gerettet wurde. Doch
der Mann hatte die kleine Palme nicht töten können. Er konnte
sie verletzen, aber nicht töten. Der
Baum versuchte, den Stein abzuschütteln. Er bat den Wind, ihm zu
helfen. Aber es gab keine Hilfe. Der Stein blieb in der Krone, dem Herzen
der kleinen Palme, und rührte sich nicht.
"Gib es auf", sagte sich die kleine Palme, "es ist zu schwer. Es ist
dein Schicksal, so früh zu sterben. Füge dich! Laß dich
selber los. Der Stein ist zu schwer."
"Wie soll ich es tun?" fragte die Palme, "der Wind kann mir nicht helfen.
Ich stehe allein in meiner Schwachheit. Ich kann den Stein nicht abwerfen."
Und
der junge Baum nahm in seiner Not seine Last an und verschwendete keine
Kraft mehr an das Bemühen, den Stein abzuschütteln. Er nahm
ihn in die Mitte seiner Krone. Er klammerte sich mit langen, kräftiger
werdenden Wurzeln in den Boden, denn er brauchte mit seiner doppelten
Last einen doppelten Halt. Dann
kam der Tag, an dem sich die Wurzeln der Palme so tief gesenkt hatten,
daß sie auf eine Wasserquelle stießen. Befreit schoß
eine Quelle noch oben, und sie hat diesen Platz hier zu einem Ort der
der Freude und des Wohlstands gemacht. Nun,
als der Baum festen Halt im Grund hatte und dort dauernde Nahrung fand,
begann er, nach oben zu wachsen. Er legte breite, kräftige Fächerzweige
um den Stein herum. Man konnte manches Mal meinen, daß er den
Stein beschützte. Sein
Stamm gewann mehr und mehr an Umfang, und mochten die anderen Palmen
am Strand höher und lieblicher sein, der Palmbaum, den die Leute
bald die Steinpalme nannten, war unbestritten der mächtigste Baum.
Seine Last hatte ihn aufgefordert, und er hatte den Kampf gegen seinen
Kleinmut aufgenommen. Er hat diesen Kampf gewonnen. Er hat eine Quelle
freigelegt, die seitdem den Durst vieler gelöscht hat, und, was
sicher das Wichtigste ist, der Baum hat seine Last angenommen und hoch
hinausgetragen. Sie liegt auch heute noch auf seinem Herzen, aber sie
ist in seinem Dasein an eine Stelle gerückt, die sie tragbar macht.
Nur die äußere Last erscheint uns tragbar. Ist sie angenommen,
wird sie ein Teil von uns selbst." Raman,
der Erzähler, legte beide Hände an den Stamm der großen
Palme. Das Feuer war fast niedergebrannt. Die Zuhörer verließen
einer nach dem anderen den Platz. Nur einer blieb noch. Er war spät
gekommen und hatte ein wenig abseits gesessen. Er
setzte sich nun zu Raman, und beide saßen lange ohne Worte.
"Dann trage die Schuld wie der Baum den Stein", antwortete Raman. "Nimm
die Schuld an. Versuche, soviel du vermagst, davon in Liebe zu verwandeln.
Vergiß dabei nicht, daß Liebe etwas ist, was man tun muß.
Es nützt nichts, sie nur zu erkennen und um ihre Notwendigkeit
zu wissen. Liebe ist Leben und wächst allein aus dem Tun." Die Männer saßen noch lange unter der Palme, und es war ein leichter Wind, der das Feuer wieder zum Brennen brachte. |
|
|