Und so ist es natürlich der Höhepunkt im Leben
eines Tages, wenn er auf die Welt zu den Menschen kommt.
Unser kleiner Tag, von dem hier die Rede ist, war voller
Aufregung und Freude, wenn er an den so wichtigen Zeitpunkt
seiner Erdenreise dachte. Aber er mußte noch lange warten,
denn er würde der 23. Februar eines ganz bestimmten
Jahres sein, und es war erst Mail im Jahr davor. Vordrängeln
konnte er sich nicht, denn die Reihenfolge, in der die Tage
die Welt betreten, ist streng festgelegt.
So konnte der kleine Tag nur von seinem zukünftigen
Erdengang träumen, und mit staunenden Augen hörte
er zu, wenn seine Verwandten von ihrem Besuch auf der Erde erzählten.
Sein Vater war ein sehr berühmter und gefürchteter
Tag gewesen, an dem sich ein grauenhaftes Erdbeben ereignet
hatte, das die Menschen noch Jahrzehnte später nicht vergessen
konnten. "Die ganze Welt zitterte", erzählte
sein Vater stolz, "und ich bin in allen Geschichtsbüchern
erwähnt."
Seine Mutter wurde von den anderen Tagen ebenfalls sehr
respektvoll behandelt. Als sie Tag war, hatten zwei Völker
nach einem langen Krieg endlich Frieden geschlossen. Immer wieder
wollte der kleine Tag hören, wie sich damals die Menschen
lachend und weinend vor Freude umarmten und wie schön dieser
Tag gewesen sei.
Ein Onkel war sehr stolz darauf, daß er die erste
Landung eines Raumschiffes auf einem fernen Planeten gebracht
hatte, und seine Großmutter konnte gar nicht genug von
der Hochzeit eines Königpaares erzählen, die mit großer
Pracht gefeiert wurde, als sie Tag war.
Jeden Abend, wenn ein Tag von der Erde zurückkam, mußte
er genau berichten, was sich während seiner Amtszeit ereignet
hatte. Voller Begeisterung hörte der kleine Tag Erzählungen
von ruhmreichen Taten, Erfindungen und großen Festen,
aber auch von Schneekastrophen, Dürre- und Hungerzeiten,
von Flugzeugabstürzen, Explosionen und Gewalttaten.
"Es ist ganz wichtig", sagte sein Vater eines
Tages, "daß etwas Ungewöhnliches passiert, wenn
du auf der Erde bist, damit man sich an dich erinnert. Sonst
ist dein ganzes Leben sinnlos. Dabei kommt es gar nicht darauf
an, ob etwas Gutes oder Böses geschieht. Hauptsache, du
hinterläßt einen bleibenden Eindruck auf die Menschen."
"Wenn ich einmal auf der Erde bin", dachte der
kleine Tag, "dann wird sicherlich etwas ganz, ganz Großes
geschehen, etwas, was es noch nie gegeben hat. Nicht nur ein
kümmerliches Erdbeben oder die Hochzeit eines Königpaares.
Nein, 100 Könige sollen gleichzeitig heiraten, alle
Völker der Erde sollen Frieden schließen und versprechen,
niemals wieder Krieg zu führen. Es wird ein gewaltiges
Feuerwerk geben, weil die Menschen alle Waffen in die Luft sprengen
werden. Auf jedem Stern im Weltall landet ein Raumschiff, eine
riesige Flutwelle überschwemmt die Hälfte der Erde,
und, und, und ..."
So träumte der kleine Tag unaufhörlich, und es
fiel ihm immer schwerer, seinen großen Auftritt abzuwarten.
Schließlich, nach scheinbar endlosen Monaten und Wochen
des Wartens, war der große Augenblick gekommen. Es war
stockfinster, als der Vater den kleinen Tag rief: "Es ist
soweit. In einer halben Stunden beginnt der 23. Februar. Gleich
bist du ein Tag auf der Erde!" Sein Vater begleitete ihn
noch ein Stück, damit er den richtigen Weg fand, und dann
war es soweit! Schrittweise zog sich die Nacht vor dem kleinen
Tag zurück, bis sie ganz verschwunden war. Der kleine Tag
jubelte: "Jetzt regiere ich die Welt!".
Aber schon bald erlebte er die erste Enttäuschung.
Die strahlend goldene Sonne, von der sein Vetter im Juli so
geschwärmt hatte, war nirgends zu sehen. Grauer Nebel verhüllte
die frühen Morgenstunden. Alles sah trübe und dunstig
aus, feucht und kalt. Der kleine Tag wollte sich aber nichts
daraus machen, es gab doch soviel Neues, Fremdes und Aufregendes
zu sehen.
In allen Städten wälzten sich Tausende von Menschen
durch die Straßen zu ihrer Arbeitsstelle. Autokolonnen,
Busse, Züge, Bahnen – alles drängte, schob und wimmelte.
Der kleine Tag mußte lachen: Es sah zu lustig aus, wie
sie da unten alle in verschiedenen Richtungen durcheinanderkrabbelten.
Er betrachtete die Menschen genauer. Nein, freundlich sahen
die nicht aus! Die meisten hasteten mürrisch und lustlos
durch die Straßen, hatten die Mantelkragen hochgeschlagen
und sahen grimmig geradeaus oder zum Boden. Niemand schien den
kleinen Tag zu beachten.
"Halle, hier bin ich!" rief er. "Ich bin
heute euer Tag! Freut ihr euch nicht, mich zu sehen?"
Aber die Menschen freuten sich nicht. "Was für
ein lausiger Tag", sagte ein Mann zu seinem Arbeitskollegen.
"Dieser widerliche Nieselregen geht mir ganz schön
auf die Nerven." "Ja, abscheulich", bestätigte
der andere. "Meine Frau bekommt sich wieder die Grippe
bei diesem Wetter. Wenn doch bloß die Sonne ein wenig
scheinen würde!"
Ja, die Sonne! Wo war sie? Der kleine Tag konnte sie nirgendwo
entdecken. "Bitte, liebe Sonne", rief er, "komm
doch hervor und mache die Welt an meinem Tag etwas schöner,
damit die Menschen nicht alle so grimmig sind."
"Das kann ich nicht", sagte die Sonne, die von
einer graufetten Regenwolke verdeckt wurde. "Ich habe noch
nicht die Kraft dazu. Komm im Frühling oder besser noch
im Sommer wieder, dann will ich so scheinen, daß deine
Augen geblendet werden. Aber im Februar bin ich dazu noch zu
schwach."
Der kleine Tag war ganz verzweifelt. "Aber ich bin
doch nur heute!" rief er. 2Ich kann doch nicht wiederkommen.
Nie kann ich wiederkommen. Im Frühling und im Sommer sind
die anderen dran. Bitte, liebe Sonne, schein doch wenigstens
ein ganz kleines bißchen!"
Die Sonne hatte Mitleid mit ihm. Mit aller Kraft preßte
sie ein paar dünne Strahlen hervor. Der kleine Tag hatte
so etwas noch nie gesehen. Er sah verzückt und verzaubert,
wie die Sonnenstrahlen auf einen Waldweg fielen und sich das
Licht in den Regentropfen spiegelte.
"Hurra!" rief der kleine Tag, "freut ihr
euch jetzt, daß ich hier bin?" Doch die Sonne hatte
zu kurz geschienen. Kaum ein Mensch in der Stadt hatte die wenigen
Sonnenstrahlen bemerkt, du jetzt war es wieder so grau wie zu
vor. Allerdings regnete es nicht mehr, und der Nebel hatte sich
aufgelöst. "Immerhin etwas", tröstete sich
der kleine Tag. Aber ein wenig traurig war er trotzdem noch.
Doch was war das? Auf einem Schulhof stand ein Junge mit
einem funkelnagelneuen Fahrrad, umringt von seinen Klassenkameraden.
"Woher hast du denn das tolle Rad?" fragte einer von
ihnen. "Na, wißt ihr denn nicht, was heute für
ein Tag ist? Heute ist doch der 23. Februar, und das ist mein
Geburtstag. Das Fahrrad ist mein Geburtstagsgeschenk!"
Der kleine Tag jauchzte. Endlich freute sich jemand über
ihn. "Für diesen Jungen bin ich der Höhepunkt
des ganzen Jahres", dachte der kleine Tag glücklich.
Mit neuem Eifer schaute er sich auf der Welt um.
Er sah das Meer! Die Wellen klatschten gegen die Felsen
am Strand, und die Gischt sprühte schäumend auf. Es
war ein wundervolles Schauspiel, von dem sich der kleine Tag
kaum losreißen konnte. Sein Blick streifte über die
Berge. Ein Bergsteiger mühte sich keuchend, einen schneebedeckten
Gipfel zu bezwingen. Als er oben angekommen war, lachte er und
genoß den weiten Blick ins Tal. Der kleine Tag freute
sich mit ihm. Er sah viele Städte, und verwundert schaute
er den Menschen zu. Offenbar hatten die meisten nicht viel Freude
an ihrer Arbeit. Männer mit stumpfen Gesichtern betätigten
Hebel, Knöpfe und Schalter. Sie stellten Gegenstände
her, deren Sinn und Zweck der kleine Tag nicht verstand. In
einer großen Halle standen lange Schlangen wartender Menschen.
Sicher gab es dort etwas Besonderes! Aber nein: Wenn die Menschen
schließlich einen Schalter erreicht hatten, hinter dem
ein strengblickender Mann saß, mußten sie viele
Kreuze in kleine Kästchen und Papierbögen machen und
auch noch Geld dafür bezahlen. Der kleine Tag wunderte
sich.
In einem Park saß ein Mann auf einer Band und schrieb.
Als er fertig war, sah er sich zufrieden lächelnd um. Er
hatte bestimmt etwas besonders Schönes geschrieben. Der
kleine Tag freute sich. In einem Fenster stand ein Musiker und
pfiff fröhlich eine kleine neukomponierte Melodie vor sich
hin. Der kleine Tag hätte am liebsten mitgepfiffen.
Der Nachmittag brachte ihm neue Erfahrungen: spielende Kinder,
Leute beim Spazierengehen, Menschen, die sich zum gemütlichen
Kaffeetrinken zusammenfanden. Er sah einen jungen Mann an einer
Haustür klingeln und ein hübsches Mädchen herauskommen.
Die beiden faßten sich an den Händen und gingen in
einen Park. Auf der Brücke über einen kleinen Bach
blieb der junge Mann stehen und sah dem Mädchen in die
Augen. "Ich hab dich lieb!" sagte er und gab ihr einen
Kuß. Dem kleinen Tag wurde ganz heiß vor Freude.
Das war sicher das allerschönste Erlebnis für ihn
hier auf der Erde.
Als die Dämmerung kam und der kleine Tag seine Aufgabe
erfüllt hatte, eilte er aufgeregt nach Hause. Alle Tage
hatten sich schon versammelt und erwarteten gespannt seinen
Bericht.
"Na, wie war’s?" fragte ihn sein Vater, "bist
du ein guter Tag gewesen?" "O ja!" rief der kleine
Tag, und alle seine Erlebnisse sprudelten wie ein Wasserfall
aus ihm heraus. "... und dann haben sie sich geküßt!"
rief er am Schluß seines Berichtes ganz atemlos und sah
sich erwartungsvoll in der Runde um.
Sein Vater machte nur eine wegwerfende Handbewegung: "Na
ja, das kennen wir ja alle, aber nun erzähl mal die interessanten
Dinge. Was hat sich denn nun wirklich ereignet?" Der kleine
Tag starrte ihn fassungslos an. "Aber ..." stammelte
er, "das ist alles. Das ist doch viel, oder?"
In den hinteren Reihen begannen einige ältere Tage
zu lachen. Schließlich lachten sie alle, die ganze Gesellschaft,
bis der kleine Tag in einer riesigen Woge von Gelächter
zu ertrinken drohte. "Was?" rief sein Vater aufgebracht,
"es muß doch wenigstens etwas passiert sein!"
Ein Schiffsunglück vielleicht? Oder eine Flugzeugentführung?
Wenigstens ein Banküberfall?" Der kleine Tag schüttelte
den Kopf. Einsam und traurig stand er mitten in dem Gelächter.
Sein schöner Tag! Und sie fanden ihn langweilig und
alltäglich – nichts Außergewöhnliches war geschehen.
Er hätte vor Scham versinken mögen.
"Nicht mal ein ..." begann sein Vater noch einmal,
aber er fragte nicht weiter. Der kleine Tag tat ihm leid. "ein
Nichts bist du!" schrie der Onkel, der die Raumschifflandung
auf dem fernen Planeten erlebt hatte, "ein Nichts! Schon
morgen hat man dich auf der Erde vergessen" Kein Buch wird
dich erwähnen, kein Mensch wird sich an dich erinnern!
Geburtstag! Sonne! Liebe! Daß ich nicht lache!"
Ist Liebe denn wirklich nichts Ungewöhnliches, Schönes?
Wollte der kleine Tag fragen – aber er traute sich nicht mehr.
Er fürchtete die Hänseleien und den Spott der anderen.
"Komm mit und ruh dich aus", sagte der Vater und
zog ihn fort. "Und ihr macht euch nicht über meinen
Sohn lustig!" rief er giftig den versammelten Tagen zu.
Die Mutter versuchte ihn zu trösten: "Sei nicht
traurig. Du bist ein guter Tag gewesen und hast sehr schöne
Dinge auf der Erde gesehen. Weiß du, es kommt gar nicht
darauf an, daß möglichst viele Menschen sich an einen
Tag erinnern. Wenn du nur ganz wenigen eine Freude geschenkt
hast, dann hat sich dein Erdendasein schon sehr gelohnt."
Aber der kleine Tag war nicht zu trösten. In den kommenden
Tagen und Wochen wurde er überall belacht und verspottet.
Er nahm auch nicht mehr an den abendlichen Versammlungen teil.
Er wollte nicht hören, was die anderen Tage zu berichten
hatten. Einsam saß er in seiner Ecke und machte sich bittere
Vorwürfe. Dabei war es doch gar nicht seine Schuld.
Eines Abends jedoch, viele einsame Tage, Monate, Jahre später,
riefen ihn seine Eltern: "Denk dir, einer deiner Neffen
kam gerade von der Erde zurück und hat berichtet, daß
heute ein Beschluß gefaßt wurde, den 23. Februar
zum internationalen Feiertag zu erklären. Und weißt
du, warum? Weil an deinem 23. Februar, als du auf der Erde warst,
nichts Böses geschehen ist, kein Verbrechen verübt
wurde, nirgendwo auf der Erde Kämpfe waren. Eben darum,
weil nichts Ungutes passiert ist, soll von nun an jedes Jahr
an deinem Tag das Fest des Friedens gefeiert werden. Heute stand
es auf der Erde in allen Zeitungen. Ja, wir wußten doch
immer, daß du etwas taugst!"
Der kleine Tag sagte gar nichts.
Er strahlte.