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Jiddu
Krishnamurti
ist vorwiegend bekannt durch seine Vorträge, die zum Teil auch als
Bücher erschienen sind. Aber da gibt es noch etwas anderes zu entdecken:
seine Naturbeschreibungen. Vielleicht käme nie jemand auf den Gedanken,
Krishnamurti als Schriftsteller zu bezeichnen. Aber die kristallklare
Genauigkeit, Ernsthaftigkeit und in ihrer bescheidenen Einfachheit so
tief berührende Schönheit seiner Aufzeichnungen, ja eigentlich
aller seiner Gedanken, die er vermittelt, könnte so manchen Schriftsteller
etwas lehren.
Ich möchte
Ihnen hiervon einen kleinen Geschmack geben. Die folgenden Aufzeichnungen
stammen aus Krishnamurtis Notizbuch, einem sehr ungewöhnlichen,
in Deutschland erst vor kurzem erschienenen Dokument. Darin schrieb
er während einiger Monate tagebuchartig seine persönlichen
Empfindungen und Gedanken nieder. Das Merkwürdige an diesen Auszeichnungen
ist, daß sie im Unterschied zu seinen sonstigen Büchern keine
an andere adressierten Aussagen enthalten, sondern fast wie Selbstgespräche
wirken. Dadurch bergen sie eine noch unmittelbarere Aussagekraft; wir
erfahren etwas wie aus der innersten Perspektive dieses außergewöhnlichen
Mannes.
Jiddu
Krishnamurti
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Gestern,
beim Hinaufgehen in dieses Tal, als die Berge mit Wolken bedeckt waren
und der Fluß noch lauter denn je erschien, kam eine Empfindung
von erstaunlicher Schönheit, ohne daß die Weiden und Hügel
und die dunklen Kiefern sich verändert hätten. Nur das Licht
war verschieden, weicher, mit einer Klarheit, die alles zu durchdringen
schien, ohne einen Schatten zu lassen. Als die Straße anstieg,
konnten wir hinunter auf einen Bauernhof schauen, der von grünem
Weideland umgeben war. Es war eine grüne Weide, ein reiches Grün,
wie es nirgends sonst zu sehen ist, aber dieser kleine Bauernhof und
diese grüne Wiese enthielten die ganze Erde und die ganze Menschheit.
Darüber lag eine absolute Endgültigkeit; es ist die Endgültigkeit
der Schönheit, die nicht durch Gedanken und Gefühl gequält
wird. Die Schönheit eines Bildes, eines Liedes, eines Gebäudes
ist vom Menschen zusammengesetzt, um verglichen, kritisiert, zusammengerechnet
zu werden, aber diese Schönheit war nicht von Menschenhand gemacht.
Alles Handwerk des Menschen muß mit Endgültigkeit geleugnet
werden, bevor diese Schönheit sein kann. Denn es wird totale Unschuld,
totale Nüchternheit dazu benötigt; nicht die Unschuld, die
der Gedanke ersonnen hat, noch die Nüchternheit des Opfers. Nur
wenn das Gehirn frei ist von Zeit, und seine Rückmeldungen absolut
still, ist diese nüchterne Unschuld da.
Wachte
lange vor Morgengrauen auf, als die Luft sehr still ist und die Erde
auf die Sonne wartet. Wachte auf mit einer Klarheit, die einzigartig
war und einer Dringlichkeit, die volle Aufmerksamkeit forderte. Der
Körper war völlig bewegungslos, eine Bewegungslosigkeit, die
ohne Gezwungenheit war, ohne Spannung. Und im Innern des Kopfes geschah
ein merkwürdiges Phänomen. Ein großer, weiter Fluß
floß mit dem Druck eines immensen Gewichtes von Wasser, floß
zwischen hohem, poliertem Granitfelsen hin. Auf jeder Seite dieses großen,
weiten Flusses war polierter, glitzernder Granit, auf dem nichts wuchs,
nicht einmal ein einziger Grashalm; da war nichts außer blankem,
poliertem Fels, der sich hochschwang zu unermeßlicher Ferne. Der
Fluß machte seinen Weg, still, ohne ein Flüstern, gleichgültig,
majestätisch. Es fand tatsächlich statt, es war kein Traum,
keine Vision und kein Symbol, das zu interpretieren wäre. Es fand
da statt, jenseits allen Zweifels; es war kein Ding der Einbildung.
Kein Gedanke könnte dies erfinden; es war zu immens und zu real,
als daß es ein Gedanke formulieren könnte. (S.44)
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Es war ein
schöner Morgen gewesen, voller Sonnenlicht und Schatten; der Garten
im nahe gelegenen Hotel war voll von Farben, allen Farben, und sie waren
so hell und das Gras so grün, daß sie das Auge verletzten und
das Herz. Und die jenseitigen Berge waren gleißend vor Frische und
Schärfe, vom morgendlichen Tau gewaschen. Es war ein entzückender
Morgen und überall war Schönheit; über der schmalen Brücke,
längs des Flusses, einen Pfad in den Wald hinauf, wo das Sonnenlicht
mit den Blättern spielte; sie zitterten und ihre Schatten bewegten
sich; es waren gewöhnliche Pflanzen, aber sie übertrafen in
ihrer Grünheit und Frische alle Bäume, die hoch in den blauen
Himmel hinaufstiegen. Man konnte sich nur wundern über dieses Entzücken,
diese Extravaganz, dieses Zittern; man konnte nicht anders als erstaunt
sein über die ruhige Würde jedes Baumes und jeder Pflanze und
über die endlose Freude dieser schwarzen Eichhörnchen mit ihren
langen, buschigen Schwänzen. Die Wasser des Flusses waren klar und
glitzernd in der Sonne, die durch die Blätter kam. Im Wald war es
feucht und angenehm. Beim Stehen dort und beim Betrachten der Blätter,
die forttanzten, kam plötzlich dieses Andere, eine zeitlose Erscheinung,
und dann war Stille. Es war eine Stille, in der alles sich bewegte, tanzte
und rief; es war keine Stille, wie sie kommt, wenn eine Maschine zu laufen
anhält; mechanische Stille ist eines und die Stille in der Leere
ist etwas anderes. Die eine ist sich wiederholend, gewohnheitsmäßig,
korrumpierend, wird vom konfliktträchtigen und müden Gehirn
als Zuflucht gesucht; die andere ist explodierend, niemals gleich, kann
nicht ausgesucht werden, wiederholt sich nie, und bietet daher keinen
Schutz. Solch eine Stille kam und blieb, während wir weiterwanderten,
und die Schönheit des Waldes intensivierte sich und die Farben explodierten,
um auf den Blättern und den Blumen eingefangen zu werden.
Es war
keine sehr alte Kirche, etwa vom Beginn des siebzehnten Jahrhunderts,
wenigstens hieß es so über dem Bogen; sie war renoviert worden
und das Holz war helle Kiefer und die Stahlnägel sahen frisch und
poliert aus, was natürlich unmöglich war; man war sich fast
sicher, daß diejenigen, die sich da gesammelt hatten, um etwas
Musik zuzuhören, niemals auf diese Nägel da über der
ganzen Decke blickten. Es war keine orthodoxe Kirche, es gab keinen
Geruch von Weihrauch, Kerzen oder Bildern. Es waren viele Kinder da,
denen gesagt worden war, sie sollten nicht reden oder spielen, was sie
nicht davor zurückhielt, unruhig zu sein, fürchterlich ernst
auszusehen mit Augen, die bereit waren zu lachen. Eines wollte spielen,
aber war zu schüchtern, um noch näher zu kommen. Sie probten
für das Konzert an diesem Abend und jeder war pflichtgemäß
ernst und da war Interesse. Draußen war das Gras hell, der Himmel
klar und blau und Schatten gab es unzählige. (S. 69)
aus: Krishnamurtis Notebook, Gollancz, London 1976
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